Er singt

Seine Habseligkeiten sind in zwei großen Einkaufstaschen. Sie stehen neben ihm auf dem Boden. Er sitzt im Chorgestühl im Altarraum der Kirche. Er ist der Einladung zum kurzen Gottesdienst am Mittag gefolgt. Er singt alles mit. Ich kann ihn jederzeit raushören: Er ist der einzige Mann auf seiner Singseite. Er singt in seiner ganz eigenen Tonlage, zwei alte Adventslieder, einen Psalm und das Vaterunser. Zum Vaterunser legt er das Liedheft weg und breitet die Hände aus. Er ist ganz bei dem, was er tut. Er ist wie alle anderen. Er singt von Hoffnung und Zuversicht. Inbrünstig.

Adventssoundtrack: Lametta

Am Wochenende berührte mich, wie beiläufig die Lieblingsnichten große Teile von JingleBells vor sich hin singen konnten, während ich über die ersten acht Wörter nicht hinauskam. Die Achtjährige sang leise, aber so inwendig, während sie Plätzchen ausstach, das musste von Herzen kommen und ein besonderer Adventsmoment sein. Wahrscheinlich auch in der Kombination: Mit klebrigen Fingern, Zimtsternen-in-the-Making, Jingle Bells im Ohr und auf den Lippen und der erweiterten Familie um sie rum.

Heute Morgen erwischte mich ein besonderer Moment, als sich beim Losfahren zur Arbeit das Telefon mit dem Auto koppelte und ausgerechnet Lametta von Erdmöbel mit Maren Eggert ertönte. Ich hab dann zwanzig Minuten lang nichts anderes gehört. Hach, liebe ich dieses Lied. Am liebsten, wenn ich dazu das Video sehen kann und wie sich die beiden beim Singen anschauen. Ach, könnte ich einmal Maren Eggert so gegenüber sitzen. Das wäre wundervoll.
Aber auch der reine Hörgenuss nimmt mich ganz ein. Diese Versatzstücke von Weihnachtsliedern mit anderen Satzfetzen, die sich nicht unbedingt erschließen und mir trotzdem was sagen: Ich liebe sie sehr. Und zwar manchmal auch mitten im Frühling oder Sommer. Diese Zeitlosigkeit aus Zweisamkeit: Wie wunderbar.

More Adventssoundtrack to come. Stay tuned.

Adventsmoment am 2.12.16

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Ich wollte irgendwo sitzen und was aufschreiben. Da kam mir auf dem Rückweg vom Bahnhof der schöne TeaRoom auf dem Bonner Markt in den Blick, und dass es dort draußen trockene freie Plätze gab. Da ich mich eh auch abkühlen wollte: Perfekt.

Ja, perfekt, aber nicht für den gewünschten Zweck: Der Moment und der Ort forderten zu viel Aufmerksamkeit für sich alleine. Das alte Rathaus und das Uni-Hauptgebäude wollten aus der Perspektive fotografiert werden, mit und ohne Menschen mit bunten Schirmen davor. Und als mir eine freundliche Mitarbeiterin den Tee brachte, habe ich den auf dem Tisch hier und dorthin gerückt, bevor ich ihn trank.

Am meisten liebe ich von diesem Intermezzo das Foto mit der Spiegelung des Weihnachtsbaum in der Teetasse.
Mein Zeitplan kam ziemlich durcheinander.
Mein Glücksvorrat ist aufgestockt.

Dezembermorgen

Früher als sonst zur Arbeit unterwegs. Nicht mehr ganz Nacht, aber eindeutig noch nicht Tag. Spiegelnde Lichter am Rhein von der Beueler Promenade. Lichter in den Wohnhäusern auf der anderen Flussseite: Einige Menschen, die dort leben, sind noch nicht unterwegs. Ich bin spontan ganz verliebt in den ganz langsam schwarzdunkelblau werdenden Himmel und die Lichter auf den Straßen und in den Häusern.

Ich müsste mal um die Zeit hier mit Kamera unterwegs sein, am besten auch mit Stativ, denk ich, und überlege, wann das wohl möglich wäre und dass es dann bitte so klar sein soll, wie heute Morgen. 

Nicht verschieben! Jetzt auskosten, was möglich ist, ruft wer in meinem Hirn dazwischen. Jetzt geht aber nix. Geht nix? 10 Minuten später bin ich dienstlich unterwegs zur Bäckerei. Immer noch kein Morgenrot, immer noch wenig Leute, der Markt vor dem Bonner Rathaus im Aufbau. Jetzt auskosten, was möglich ist. Ich sehe weiterhin Morgenstimmung und Lichter und mache eben jetzt ein paar wenige Schnappschüsse. Weil auf meinem Weg eine Tür verschlossen ist, muss ich durch eine Kirche gehen, die mir zwei tolle Motive schenkt. Für das alles, ungelogen, nicht mehr als 5 Extraminuten. Morgens hab ich selten Zeit zuviel.

Den ganzen Tag gehen die sehr schönen Momente des Morgens mit. Die nimmt mir keiner. Die Fototour am Morgen? Bleibt wahrscheinlich eine Idee. Macht nix.



Erster Wintermorgen

Raureif, kalte klare Luft, blauer Himmel, Morgenrot am Horizont. Ich lass die Katzen raus und geh ein paar Schritte auf die Terrasse. Barfuß. Mit Bettwärme kein Problem, mit Faszination erst recht nicht: Ich will diesen schönen Wintermorgen komplett um mich rum haben, ein paar tiefe Atemzüge nehmen.
Beim Aufbruch zur Arbeit sieht es immer noch märchenhaft schön aus, draußen. An einer Lieblingsstelle halt ich kurz an: Die Sonne lugt grad über den Horizont und der Ölberg wird von der Seite angeleuchtet. Das möchte ich nicht nur im Rückspiegel sehen, sondern kurz richtig angucken. Und fotografieren.

Nur zwei Kilometer weiter verlass ich die Höhe des Pleiser Ländchens und fahre durch den Wald nach Bonn ins Rheintal hinab und sehe schon ganz bald kaum noch die nächste Straßenkurve: Dichter Nebel hat die Gegend im Griff. Auf der Bonner Südbrücke riskier ich einen Blick nach Süden. Ich kann nicht nur den Drachenfels nicht sehen, auch der Rhein liegt unter dickem Nebel.

Das Phänomen kenn ich. Aber es fasziniert mich heute wieder neu. Wahrscheinlich weil es sich oben zum ersten Mal wie Winter anfühlte und so wunderschön aussah. Und durch den Tag hindurch, der auch im Tal noch sehr schönes Wetter abbekommt, sag ich mir einige Male: Der Nebel ist nie die ganze Realität. Oft sind es nur ein paar Höhenmeter und alles sieht ganz anders aus.