Abendgebet

Lass mich nie vergessen, dass Jesus mit seinen Freund*innen auch heute nicht solche Räume bräuchte, eher sogar melden würde, sondern auf normalen Straßen und zwischen Alltagszeilen gehen, reden, feiern und essen würde. Amen.

Neuer Chefchefchef. Notizen vom 23.9.16

In meinem Bistum wurde heute der neue Bischof bekanntgegeben. Das ist schon eine aufregende Geschichte, wenn man noch locker zwanzig Jahre Berufstätigkeit vor sich hat. Und der neue Bischof erst 56 Jahre alt ist. Wenn er bis zum bischöflichen Diensthöchstalter von 75 Jahren im Amt bleiben sollte, erleb ich keinen anderen Chefchefchef mehr. Nun lässt sich heute soviel sagen: Eine komplette Kurskorrektur ist nicht zu befürchten, und alles andere muss man sehen.

Auch in der Wirtschaft können sich mit neuem Vorstand, erst recht mit veränderten Unternehmenszielen oder wirtschaftlichen Vorgaben Aufgabenfelder und Betriebsklima total ändern. Insofern sollten wir in der Kirche nicht zuviel jammern, unsere Vorgesetzten nicht demokratisch wählen zu können. Es kommt mir halt zuweilen zu Bewusstsein, wie zufällig in der Glaubensgemeinschaft der ewigen Wahrheiten neue Führungspersonen ernannt werden, die dann mit sehr weitgehenden Entscheidungskompetenzen ausgestattet sind:

Das ganz läuft nämlich in etwa wie folgt ab, natürlich unter Festlegung auf geweihte Männer in Sachen aktivem und passivem Wahlrecht:

– Ein hohes Gremium geweihter Männer erarbeitet eine Vorschlagsliste mit Kandidaten für ihren und des Bistums nächsten Oberchef.
– Das Gremium schickt diese Vorschlagsliste via des deutschen Botschafters des weltweiten Oberchefs zu eben diesem. Auf dem Weg dorthin können zukünftige Kollegen des gesuchten Kandidaten die Liste um eigene Vorschläge ergänzen.
– Im Büro des weltweiten Oberchefs wird die Liste bearbeitet und gegebenenfalls auch noch mal ergänzt. Über die Kandidaten werden Erkundungen eingezogen und Gutachten erstellt.
– Anschließend wird aus dieser erweiterten Liste eine Vorauswahl von drei Kandidaten getroffen. Diese Dreierliste, auf der niemand mehr von der Ursprungsliste aus dem Wahlbistum stehen muss, wird zum Wahlgremium über den Botschafter zurückgesandt.
– Innerhalb einer bestimmten Frist muss das Wahlgremium nun aus dieser Dreierliste einen Kandidaten wählen. Gegebenfalls kennen die Mitglieder der Wahlkommission die Kandidaten nur kaum oder gar nicht. Wieviel Zeit zur Recherche bleibt, weiß ich nicht. Für Gespräche jedenfalls nicht. Die Wahl ist sowas von geheim.
– Wenn die entsprechende Mehrheit dann für einen der drei gefunden ist, wird dieser gefragt, ob er die Wahl annimmt. Eventuell wusste er gar nicht, dass er auf der Liste stand und muss sich erstmal setzen. Er kann sich jedenfalls ein paar Tage Bedenkzeit ausbitten. Wieviel Informationen er über das Bistum, das er bald leiten soll, in dieser Zeit bekommen kann: Das dürften auch weniger sein als ein neuer Vorstandsvorsitzender für seine neue Firma erhält.
– Wenn der Kandidat zusagt – ich glaube, das ist der häufigere Fall -, muss je nach kirchlich-staatlicher Vereinbarung noch die Regierung des Bundeslandes der Wahl zustimmen.
– Danach ernennt der Papst den gewählten Kandidaten. Und es gibt im Wahlbistum, im Heimatbistum und in Rom zeitgleich eine Veröffentlichung der Ernennung, gerne in Kombination mit einem Gebet, ziemlich sicher mit großem Glockengeläut.
– Erst danach kann das Bistum den neuen Chef und der neue Bischof seinen neuen Arbeitsbereich besser kennenlernen. Und es werden die Modalitäten für die Einfühurng festgelegt.

Keiner wird irgendwo Bischof, indem er sich für ein Bistum bewirbt, das ihm in Struktur, Größe, Inhaltsschwerpunkten und Mentalität zusagt. Kein Bistum kann sagen: Wir brauchten als nächstes dringend einen Bischof, der besonders für dieses oder jenes Thema steht, diese begonnen Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt und ein besonders gutes Händchen in Sachen Personalführung hat. Es wird einfach davon ausgegangen, dass das schon passt und der Heilige Geist sein übriges tut.

Um so dankbarer ist man, wenn es mit Bekanntgabe der Wahl keine böse Überraschung gibt und man mutmaßen muss, dass die beiden anderen Kandidaten der Dreieliste noch weniger wählbar waren.
Nein, es scheint, mein Bistum hat noch einmal Glück gehabt.

Kaffee holen

Er sieht sehr gut aus. Der Bart, der an ihm vor ein paar Jahren noch altmodisch  wirkte, steht ihm jetzt super. Viel besser als vielen jungen Männern, die ihn als Accessoire tragen. Wie er sich bewegt, auf sein Tun konzentriert: Vieles fügt sich in Bruchteilen von Sekunden zu einem attraktiven Ganzen.

Doch wenige Momente später ist der Anflug von Schwärmerei beendet. Seine Frau sagt Hallo und verabschiedet sich gleichzeitig, weil sie eins der Kinder dringend wegbringen muss. „Aber dass du eben noch zwei Tassen Kaffee holst, dafür wird die Zeit doch wohl reichen.“ Ton, Satz und Sieg lassen keinen Zweifel daran, wie er Partnerschaft versteht und welche Rolle er darin innehat. Dass da zwei zu gehören, stimmt, steht grad aber auf einem andern Blatt. Sein Satz macht alle Lichter aus.

So ein schöner Mann und so uninteressant, denke ich noch kurz. Und setz mich ohne Kaffee in die Abendsonne.

Nachdem sie dem Navi widersprochen hatte.

Wäre ich einfach dem Navi gefolgt, wäre ich vielleicht fünf Minuten eher zuhause gewesen, aber 130 statt 80 km gefahren. 

Ich sollte vielleicht auch an anderswo einfach hingestellte Überzeugungen hier und da hinterfragen. Vielleicht gibt es eine kürzere, schönere, entspannendere und zugleich umweltfreundlichere Variante. Könnte ja sein. 

Notizen vom 20.9.16

Natürlich kann man meine Radiobeiträge auch im Internet abrufen, aber der Reisgefährte besteht seit Anfang an darauf, dass wir die Radioausstrahlung morgens um 05:55 Uhr hören. Längst weiß ich, dass das eine gute Idee ist: Die Lieder davor oder manchmal auch die Abmoderation direkt danach haben schon für die ein und andere nette Überraschung gesorgt. Und da der Reisegefährte außerdem nichts über den Inhalt des jeweiligen Beitrags weiß, hab ich sogar eine Originalreaktion eines Hörers als erste Feedback, wenn auch familiär nicht unbefangen. Heute gab es ein Lob von der anderen Bettseite, dafür schüttelten wir beide die Köpfe über das Lied, das direkt vor dem Beitrag über Depression und ihre miese Schwester Scham lief: Alles aus Liebe von den Toten Hosen mit der Refrainzeile „dann bring ich mich für dich um“. Okay. Ziemlich daneben.


Im Büro fand ich am Vormittag dann zwei Jacken, die ich vorletzte Woche aus irgendwelchen Gründen morgens anhatte, aber nachmittags zu warm fand und vergaß. Die kommen jetzt wieder mit, halfen heute übertag jedoch nicht gegen kalte Füße. Nein, ich jammer nicht: Ich liebe kühleres Wetter, mag Sockentemperaturen aber überhaupt nicht. Damit muss ich leben.


Zum ersten Mal seit Juli konnte ich wieder beim Bonner Mittagsgebet dabei sein, dieser Viertelstunde im Bonner Münster mit einem Lied, einem Bibelwort, etwas Stille und einem Segen. Ich war heute am Empfang tätig, der Mitbetende begrüßt und ihnen ein Liedheft gibt. Der Stammteilnehmerin mit der schönen Hundetasche, die sie lange nicht mehr mit hatte, konnte ich ein Lächeln entlocken, indem ich ihr die Recherche abnahm, auf welche Seite des Chorgestühls sie sich heute setzen will. Zu wissen, was Stammgäste wollen, hach, das ist doch überall schön.


Die Arbeit am Nachmittag wurde mehrfach durch den iMessage-Dialog mit einem meiner Brüder unterbrochen. Er überführt Donnerstag einen Trecker aus dem Siegerland nach Aachen. Und aus ersten Fragen am vergangenen Wochenende, wo er am besten mit 25 km/h den Rhein überqueren könnte, wurde heute Nachmittag eine größere Beteiligung meinerseits an dieser Aktion, samt einer Übernachtung von Bruder und Trecker bei uns. Jetzt muss ich nur noch das logistische Problem lösen, wie ich nach der Nacht mit Bruder und Trecker übern Rhein fahren kann, trotzdem aber am späteren Vormittag mein Auto zur Verfügung habe. Jedenfalls ist das ganze eine verrückte, schön Aktion und schon heute definitiv ein Alltagsupgrade.


Dieser Dienstag ist ein Tag für die eherne Regel, dass Bürotage ohne Termine, an denen man schon früh am Schreibtisch saß, auch früh zu Ende sein könnten. Stattdessen werden sie zumindest bei mir oft lange Tage, weil ich endlich nochmal so richtig in Dingen versinken kann, ohne unterbrochen zu werden, wenn es womöglich grad nicht passt.


Der Nachteil: Die Zeit Zuhause mit dem Liebsten und den dort noch vorgenommenen Dingen schmilzt dahin. Wir essen spät zu Abend und da ich so im Flow bin, setz ich mich danach sogar nochmal dran. Schließlich geht morgen etwas Arbeitszeit für eine gewisse Treckeraktion drauf.


Zum Abschalten schalten wir im Zimmer des Reisegefährten am späten Abend noch auf emergency room um. Ja, wir gucken grad so altes Zeugs. Nicht zuletzt, um Julianna Margulies aus der tollen Serie „The Good Wife“ in ihrer ersten großen Serienrolle zu sehen.

Depression und die miese Schwester Scham (Kirche in WDR 2)

Neulich fiel eine Bekannte längere Zeit auf der Arbeit aus. Dem Kollegenkreis hatte sie den Grund nicht genannt, aber wir im Freundeskreis wussten Bescheid. Sie schämte sich: Die Bekannte leidet unter Depressionen und hatte nach mehreren Jahre Ruhe einen Rückfall.

Wenn die Depression Dich ein zweites Mal erwischt, ist das in gewisser Weise schlimmer als beim ersten Mal. Denn wenn Du durch die erste Episode durch bist, und mag sie noch so schlimm gewesen sein, bist du durch. Du hast viel über diese elendige Krankheit und mindestens so viel über dich gelernt. Und was zweitrangig wird, damit Du aus dem Teufelskreis wieder rauskommt. Du hast deine Grenzen mindestens gesehen, oft auch leidvoll gespürt. Und hast Dir eingestanden, das Lebensglück zwar nur sehr begrenzt in der Hand zu haben, aber, dass Du mehr selber tun kannst, als gedacht. Und Du hast gelernt, mit Schwäche zu leben, zumal das keine persönliche Schwäche ist, sondern eine Krankheit wie andere auch.Du hast danach gewusst, dass es das nicht für immer gewesen sein muss. Aber mit der Hoffnung und einiger neuer Kraft warst Du unterwegs und glücklich, dass der Boden wieder trug. Wenn sie Dich dann noch mal erwischt, die Depression, womöglich erst nach vielen Jahren, womöglich anders als damals, zerbricht noch etwas mehr von der Welt als beim ersten Mal. Du hattest doch kapiert, wie es funktioniert und soviel darüber gelernt und so viele Sicherheitssysteme installiert. Wenn schon nicht damals, muss es aber jetzt persönliche Schwäche sein. Und überhaupt: Woher die Zuversicht nehmen, dass es sich lohnt, sich so weit wieder rauszukämpfen, wenn es doch ein großer Kreislauf sein könnte, dem man nicht entrinnen kann?
Ach, Depression ist so ein elendiges Teufelszeug. Und das sagt eine, die ansonsten nicht an das personifizierte Böse glaubt. Depression verlangt einem selbst und seinem Umfeld so viel ab. Sie ist für die Leute drum rum so schwer zu erkennen und so schwer zu verstehen. Was ist der Unterschied zu einer Person, die kann, aber nicht will? Eben genau, dass die Person normal am Leben teilnehmen will, es aber definitv nicht kann. Das ist für die Person selber und für Fachleute eindeutig. Aber für fast niemanden sonst. Und doch geht es immer noch nicht um persönliches Unvermögen: Es braucht Geduld und Hilfe, wieder auf die Füße zu kommen.

Was kann ich als Freundin für die Bekannte tun? Was soll ich ihr raten? Bestimmt nicht „Kopf hoch, wird schon wieder!“ Vielleicht kann ich ne Meile mitgehen, oder zwei. Soweit auch ich tragen kann. Einfach da sein. Aushalten. Nicht in Watte packen, aber vor allem versuchen, die Scham von ihr fernzuhalten.

Diese miese kleine Schwester der Depression, die sich am liebsten immer mit einschleicht.
Aber diese Gewissheit kann ich versuchen mitzugeben: Auch beim zweiten, dritten Mal gibt es nichts, wofür sich jemand schämen muss bei Depression. Es ist eine Krankheit, die mit Hilfe und Zeit bewältigt werden kann.
Also, damit das mal klar ist: die miese kleine Schwester Scham, die soll sich vom Acker machen.
Audio: KIRCHE IN WDR 2 | 20.09.2016 | 05:55 UHR

Ganz kurz übers Kinderkriegen

Eine Freundin, Ende 40, hat gestern ein Kind bekommen. Andere Freunde (Mitte 40) zeigten glücklich Fotos vom ersten Enkelkind. Verrückt, dieses Generationendings. Und ich leb weiter damit, dass bei mir immer mindestens ein entscheidender Faktor fehlte: Gesundheit, der passende Mann oder Mut. Aus Gründen. Ein Schmerz bleibt, auch wenn der Wunsch, Mutter zu werden, nie so groß war wie bei einer Reihe meiner Freundinnen. Es gibt keinen Automatismus, Kinder bekommen zu müssen. Und so ist der Schmerz oder die Sehnsucht nicht anders und nicht größer als der im Zusammenhang anderer unerfüllter Lebensmöglichkeiten. Einen anderen Berufsweg eingeschlagen und ein zwei Entscheidungen anders getroffen zu haben. Es ist wie es ist. Damit und mit einem Leben ohne eigene Kinder. Und es ist gut, wie es ist.