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Und dann triffst du einen guten Freund nach sehr langer Zeit wieder. Und nach den ersten Sätzen, die du mit jedem wechseln könntest, stellt er eine Frage, die dich trifft und nicht mehr loslässt:

„Hast du eigentlich immer noch jeden Tag ein Gedicht im Sinn?“

Und dann wirst du in der Menge von ihm getrennt und bist den Rest des Tages mit dieser Frage unterwegs, während du äußerlich funktionierst.

Ja, ich war mal die Gedichtefrau, die immer mit einem Band Lyrik unterwegs war oder zumindest mit einem Büchlein, in das sie Gedichte abschrieb. Ohne einen oder ein paar Verse im Kopf konnte ich nicht leben.
Und mit diesem Freund, den ich heute wiedersah, gab es mal eine Zeit (einen Advent oder eher noch Prüfungsvorbereitungen), in der wir einander täglich abwechselnd einen Zettel mit einem Gedicht zusteckten. Ich bräuchte zwei Handgriffe, diese Texte in einem meiner Büchlein mit abgeschriebenen Gedichten zu finden.

Stattdessen krame ich heute Abend nur in meinem Kopf und suche dort nach Versen. Und ich stelle fest: Manche Verse verlernt man so wenig wie Radfahren. Zum Glück.

Wir durchqueren die Wüste, den Schimmer
eines alten Bilds auf der Netzhaut.

Mehr weiß keiner Lebender
von dem Verheißenen Land.

(Giuseppe Ungaretti, 
deutsche Übertragung: Hilde Domin)

 

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