Fernglas

Und da war gestern noch dieser Mann mit dem Fernglas. In einer Wohnstraße mit Mehrfamilienhäusern und 30er-Zone standen zwei Männer auf dem Bürgersteig und schauten auf die andere Straßenseite. Sie standen nicht direkt nebeneinander, so, als wäre ihnen unabhängig voneinander etwas aufgefallen, für das man stehenbleibt oder sogar aus dem eigenen Haus rauskommt, um es besser zu sehen. Und der ältere von den beiden hatte sogar sein Fernglas mitgebracht und schaute unverwandt in eine Richtung.
Ich fuhr mit dem Auto an beiden vorbei und hatte nur ganz kurz die Möglichkeit, einen Blick in die Richtung zu werfen, in die sie schauten. Und ich sah: Nichts. Zwei Häuser, Himmel, sonst nichts. Egal, was das war, die zwei einsamen Schaulustigen allein waren schon sehr eindrücklich. Natürlich würde es einen Unterschied machen, ob sie einen Regenbogen, einen Greifvogel auf einem Dach beobachteten, oder jemanden, der sich unfreiwillig geifernden Blicken aussetzte, weil er aus Versehen die Vorhänge nicht geschlossen hatte, oder ob es etwa um jemanden in Not ginge.

Der Mann mit dem Fernglas war mir jedenfalls unheimlich. Vielleicht weil er so unverhohlen da stand und mich an alle Späherei erinnerte, die es gibt, die wir so klar aber nicht mitbekommen.

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