Warum es diesen Walnussbaum gibt.

Vor zwei Wochen schrieb und erzählte ich vom Walnussbaum meiner Großeltern, der den Käufer des Grundstück nach dem Abriss des Hauses zwang, sein neues Haus umzuplanen. Die Geschichte fand freundliche Resonanz in meiner großen Familie: Erinnerungen, auch an solche geliebten Orte, sind nach zwei Jahrzehnten nicht mehr sehr oft präsent. Wenn eine eine erzählt, kommen dafür mit großer Sicherheit noch weitere hinzu. Mir bescherte sie sogar die Geschichte vom Ursprung des Walnussbaums, die ich noch nicht kannte und die sein Überleben nach Haus- und Grundstückverkauf noch eindrucksvoller für mich macht:

Kind Nr. 4 von 5 meiner Großeltern erzählt: „Ich habe als kleiner Junge mal eine Walnuss gefunden, aus der ein Keim herauswuchs. Vater oder Mutter, ich weiß das nicht mehr genau, erklärten mir, dass das ein großer neuer Walnussbaum werden könne und pflanzten den Keimling mit mir ein. Das war mit Sicherheit mehrere Jahre, bevor das neue Haus in der ersten Häfte der 1950er Jahre entstand. Als wir dahin umzogen, zog das junge Walnussbäumchen mit. Das ist der Anfang dieses Walnussbaums, der dort bis heute steht.“

Wenn ich bedenke, dass die Kinder 1 & 2 kurz vor dem Krieg und 3, 4 & 5 während des Krieges geboren wurden und die Eltern dieser Kinder viele schwierige Situationen zu bewältigen hatten, um sich und die Kinderschar durchzubringen, wirft diese Begebenheit ein schönes Licht auf die Zeit. Sie bestand demnach (natürlich!) nicht nur aus Angst, Überforderung und Arbeit, wie ich manchmal pauschal denke. Wie einfach mensch es sich manchmal macht.

Meine Mutter, Kind 2, erinnerte mich außerdem daran, dass mein Großvater bis zu seinem plötzlichen Tod regelmäßig von den Nüssen aß: Er war auf eigene Initiative probeweise in ein Zimmer im nahen Seniorenheim umgezogen und wollte erst nach einer Weile über das weitere Schicksal des Hauses entscheiden. Zu den Dingen, die er sich weiterhin aus dem weiterhin komplett eingerichteten Haus – er war tatsächlich freiwillig auf ca. 10 Quadratmeter umgezogen –  holte, gehörten jeweils einige Handvoll Walnüsse.

Neben der Rührung, die mich bei diesen Geschichten rund um meinen sehr geliebten Großvater überkommt, denk und sag und schreib ich: Erzählt mehr Geschichten! Über euer Leben, über eure Wurzeln, über eure Lieben, über eure besonderen Orte. Ich find, es tut in der Seele gut. Und wenn ihr meint, so eine hättet ihr nicht, dann erwärmt es sicher euer Herz und macht Schmerz kleiner und Wut und Liebe klarer. Erzählt mehr Geschichten!

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