Keine Flüchtlingsgeschichte

Letzte Nacht ist W. gestorben. Der ist 1945, ungefähr fünfzehnjährig, mit Eltern, Geschwistern und ein paar Leuten mehr von Dresden nach Aachen gegangen. In Dresden war die Familie länger als geplant, weil sie Nachricht erhielt, in Aachen ausgebombt worden zu sein. Sie hat das schlimme Bombardement Dresdens überlebt und hat sich Anfang 1945 wieder gen Westen aufgemacht, weil sie Angst vor der anrückenden russischen Armee hatte. Alle erklärten W.s Vater für verrückt, dass er sich mit seiner Familie nach Norden aufmachte, obwohl Aachen doch eindeutig in westlicher Richtung lag. W.s Vater jedoch sagte: „Wenn irgendwann wieder Züge fahren, fahren sie von und nach Berlin. Und auf die Bahnlinie treffen wir früher, wenn wir nach Norden gehen. Der Bahnlinie entlang gehen wir dann nach Westen.“ Mit einem Bollerwagen für ein wenig Hab und Gut ging es los. Einige Streckenabschnitte konnten tatsächlich mit Zügen zurückgelegt werden. Die komplette Gruppe, die sich in Dresden auf den Weg gemacht hatte, kam schließlich in Aachen an. Das Glück im auch erlebten Unglück der vergangenen Jahre blieb – rein zufällig – an der Seite dieser Familie.

Ergänzende Fakten (Wie lange waren sie unterwegs? Wann genau 1945? Wie ging das mit den Zügen? Was haben sie unterwegs erlebt?) würde ich gerne erzählen, aber ich weiß nicht viel mehr. Vieles wurde / wird in dieser Familie nicht erzählt, auch wenn es die Kinder und Enkel sehr interessiert. Damit müssen wir leben.

Eine Flüchtlingsgeschichte ist dies im engeren Sinne nicht. Da ging eine Familie am Ende des Kriegs im eigenen Land nach Hause. Auch wenn es dieses Zuhause physisch nicht mehr gab: Sie ging zurück in ihre Heimatstadt und hoffte, dort neu anfangen zu können. Es gelang ihr. Für diesen Weg nahm sie Ungewissheit und Strapazen auf sich. Ob sie das alle wohlbehalten schaffen würden, war keineswegs klar. Aber sie hatten die Zerstörung Dresdens überlebt. Wahrscheinlich konnte sie nicht mehr sehr viel schrecken.

W. blieb mir immer fremd. Ich sah ihn auch nur sehr selten. Denn: Die drei Geschwister sahen sich selten. Erst ab vielleicht dem 50. Jahrestag des Kriegsendes trafen sie sich regelmäßig im April, am Tag ihrer Ankunft in Aachen. Sie trafen sich immer ohne Kinder, meist sogar ohne Ehepartner, was in der Generation selten ist. 

Heute denke ich an W. und das für mich Unvorstellbare, das er erlebte, bevor er volljährig war. Und ich denke an das noch Unvorstellbarere, sich ganz ohne jede Sicherung und unter krasserer Lebensgefahr zu einem fremden Ziel aufzumachen, wie es heute wieder viele Menschen tun.

Und statt Karten und Blumen für W. spende ich heute für die Flüchtlingshilfe der Stadt, in der ich wohne. 

(53/366)

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Ein Gedanke zu „Keine Flüchtlingsgeschichte

  1. liisa

    Ja, auch diese Geschichten gibt es viele – mancher erzählt, manche verschwiegen. Ich denke, man kann durchaus Flüchtender auch innerhalb des eigenen Landes sein.

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