Dies und das zum Wochenende in Istanbul.

tl., dr.: Was der Rahmen eines Wochenendes an Ersteindrücken in der Weltstadt Istanbul ermöglichte. Sowie zwei Erkenntnisse hinter den Kulissen (Flüchtlinge, türkische Sprache) und ein Monty Python – Moment.

Ich würde so eine Tour wie am vergangenen Wochenende wieder unternehmen, selbst für eine so unerschöpfliche Stadt wie Istanbul an so wenigen Tagen. Aber es war gut, dass das Wochenende ein kleines bisschen länger war als andere: Wir waren freitags um 20:00 Uhr im Hotel und sind am Montagmorgen um 08:00 Uhr zurückgeflogen, waren also mittags wieder im Rheinland, hatten vor allem aber zwei komplette Tage und drei Abende vor Ort. Das war gefühlt ein Vielfaches mehr, als wenn wir Sonntagnachmittag schon wieder hätten aufbrechen müssen.

Wir wohnten im historischen Zentrum und hatten dort auch den Besichtigungsschwerpunkt geplant, was ohne Weiteres zu Fuß möglich war. So haben wir am Samstag die Hagia Sophia, den Topkapi-Palast, die blaue Moschee und das Hippodrom besichtigt. Das war zwischen 10:00 und 18:00 Uhr mit einer Stunde Mittagspause gut möglich, ohne den Eindruck zu bekommen, nur durch die Hauptsehenswürdigkeiten zu hetzen. Spontan hatten wir uns freitagabends entschieden, ein Angebot des Hotels in Anspruch zu nehmen und für diesen Samstag einen Guide zu engagieren. Das hat sich in vielfacher Hinsicht gelohnt: Seine Erklärungen waren hervorragend, er hielt die Gruppe gut zusammen und ersparte uns manche Warterei, da es extra Eingänge für Gruppen gab. Und von elf Leuten gemeinsam bezahlt, war das Honorar von 160 Euro nichtmal teuer.*

Am zweiten Tag stand morgens die spätantike unterirdische Zisterne (auch: Versunkener Palast genannt und James-Bond-Drehort in From Russia with Love) auf dem Programm, die mich sehr beeindruckt hat. Anschließend sind wir in einer Teilgruppe in einem Viertel jenseits der großen Tourismusströme unterwegs gewesen, was ich als zusätzlichen Eindruck von der Stadt sehr geschätzt habe. Mit S-Bahn, Metro und nochmal S-Bahn, vor allem aber zu Fuß hatten wir uns verlaufen, dadurch ein normales, nicht reiches, nicht sonderlich armes Wohnviertel durchquert und trotzdem Teile der Stadtmauer und die großartige ehemalige Chorakirche mit Mosaiken und Fresken aus der Spätphase der byzantischen Kunst besichtigt.
Zurück ging es per Personenfähre, zickzack durchs Goldene Horn zur Galatabrücke. Auf der Fähre war der TouristInnenanteil wieder etwas höher, aber nicht in der Mehrzahl.
Vor der Galatai-Brücke sahen wir buntes Treiben vor den schwimmenden Fischbrötchenbuden und staunten über die zahllosen Angler auf der Brücke. Unter der Brücke aßen wir bei schöner Aussicht eine Kleinigkeit und tranken große Wasser und Biere, bevor es zurück ins Hotel ging und – nach einem kleinem Päuschen auf dem dortigen Diwan – zum gemeinsamem Abendessen der Gruppe in einem Dachterrassenrestaurant in der Nähe.

Sehr konkrete Gründe, wiederzukommen:
Ich habe viele Bauwerke, die mich interessieren, noch nicht gesehen und habe definitiv noch nicht genug von der Atmosphäre. Außerdem waren der große Bazar und der Gewürzmarkt wegen des muslimischen Opferfestes geschlossen: Da muss ich naürlich noch hin. Und vielleicht gibt es auch mal weniger heiße Tage als wir sie grad erwischt hatten.

gelernt
Über Flüchtlinge:
An allen drei Abenden, wenn es dunkel wurde, sahen wir vereinzelt syrische Flüchtlinge. Wir erkannten sie daran, dass sie auf Schildern auf sich und ihre Information aufmerksam machten. Der Guide sprach von 200.000 syrischen Flüchtlingen im Großraum Istanbul und von den zwei Familien, die er persönlich kennt, die sich eine kleine Wohnung teilen und arbeiten, arbeiten, arbeiten, bis sie Geld zusammen haben, um nach Europa zu flüchten.
Tagsüber fiel mir niemand auf. Berührt hat mich, an einem großen Sammel- und Umsteigeort für Flüchtlinge zu sein. Sie haben noch einen langen Weg vor sich. Für mich war er aus ihrer Sicht spottbillig, mit zweieinhalb Stunden Flug ein Klacks. Und sicher.

Geschlechtsneutrale Sprache. Der Guide macht uns zwischendurch auf ein interessantes Charakteristikum der türkischen Sprache aufmerksam: Türkisch sei geschlechtsneutral, es gäbe kein grammatikalisches Geschlecht für Sonne und Mond und alle möglichen Gegenstände, auch nicht für Männer und Frauen. So sei z.B. von Lehrenden und Lernenden die Rede. Um das Geschlecht der lerndenden Person deutlich zu machen, müsse man vom lernenden Mädchen oder Jungen sprechen. „Das ist nicht diskriminierend wie die deutsche Sprache.“ So brachte er es im Vergleich auf den Punkt.

gelacht
Und da war dieser Kellner, der mit unbewegtem Gesicht sagte: „Diesen Fisch, den sie gerne hätten, haben wir nicht mehr. Na, eigentlich haben wir doch noch was davon, aber der ist schon drei Tage alt. Sie können ihn gerne probieren, aber eigentlich soll er weg. Nee, lassen Sie es lieber.“
Er verzog dabei keine Miene, machte seinen Job ansonsten gut und servierte vor allem köstliches Essen in 11 Variationen. Was ihn bei den Auslassungen zu diesem einen Fisch ritt: Das kann doch nur eine Reminiszenz an den Cheese Shop von Monty Python gewesen sein.

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* Den deutschsprachigen Guide, mit dem wir acht Stunden unterwegs waren, kann ich historisch interessierten Menschen sehr empfehlen und gebe auf Anfrage gerne die Kontaktdaten weiter.

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2 Gedanken zu „Dies und das zum Wochenende in Istanbul.

    1. SuM

      Hinter der blauen Moschee im Sultanahmet-Viertel, Akbiyik Caddesi. Falls du nicht nur die Gegend, sondern auch das Hotel wissen magst: Frag mich gern per DM auf Twitter.

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