Momentaufnahme (108/366)

Und dann gibt es so Augenblicke, in denen sich kurzzeitig ein Wohlbefinden der besonderen Art einstellt. So heute, als ich nach langer und anstrengender Autofahrt kurz einkaufen ging und auf Insipration fürs abendliche Kochen hoffte. Die tauchte  freundlich schnell auf, und so schlenderte ich noch etwas durch den Laden, der angenehm leer war und den ich selten aufsuche. Alles banal und unauffällig, bis ich die beiden Männer wahrnahm, die gemeinsam in ähnlich entspanntem Tempo ihren Einkaufswagen durch die Gänge des Discounters schoben wie ich. Zwei Männer, zwischen 50 und 60 etwa, die offensichtlich zusammengehörten und mir deswegen und wegen ihrer Körperfülle auffielen: Ich meine, nicht so oft Paare in dem Alter entspannt gemeinsam einkaufen zu sehen, und ziemlich sicher noch seltener schwule Paare und noch nie ein schwules Paar in dem Alter, dem ich mich körperfüllenmäßig sofort so nah fühlte. Dass die beiden vermutlich ein Pasr waren, ist übrigens nur insofern erwähnenswert, dass ich mich lieber in einer bunten, vielfältigen Gesellschaft aufhalte. Und dass ich mich über ihre doppelte Entspanntheit freute: Dicke Menschen haben die leider – aus Gründen –  nicht immer, und dass schwule Paare in diesem Lebensalter häufig einiges an Diskriminierung erlebt haben und erleben, ist leider auch nicht aus der Luft gegriffen. Warum auch immer genau: Mir wurde jedenfalls spontan sehr wohl in ihrer Gegenwart.

Ziemlich viele Worte für ein kleines punktuelles Wohlbefinden im Supermarkt. Stimmt. Sie sprechen aber indirekt davon, dass ich mich als dicke Person in solchen Einkaufssituationen oft unwohl oder gar nicht fühle, dass ich damit rechne, Blicke oder Gedanken zum Verhältnis meiner Kassenbandauflage und meinem Körpergewicht zu ernten und Projektion anderer zu bündeln.

Mit diesen zwei Männern in einem fast leeren Laden dagegen war das jedenfalls weg. Ich war nicht die einzige aus meinem Club. Wir lächelten uns sogar kurz an und gingen gutgelaunt in unterschiedliche Richtungen weiter. Die Welt und auch ich war vorübergehend völlig in Ordnung.

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Ein Gedanke zu „Momentaufnahme (108/366)

  1. Frau Tonari

    Jetzt bin ich überrascht. Hatte die Vorstellung einer gertenschlanken Reiseelfe.
    Ich bin auch immer wieder irritiert, was für Szenen einer Ehe/Partnerschaft sich freitags zum Wochenendeinkauf im Supermarkt abspielen. Da gibt es Gefechte, die an anderer Stelle offenbar nicht ausgetragen werden. Ich mag den Einkaufsbummel mit dem Liebsten. Wir lassen uns oft vom Angebot inspirieren.

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