A cat is missing (125/366)

Gestern vor einem Jahr wurde die jüngere Katze eingeschläfert. Heute erzähle ich hier von ihr. Ich erzähle hier von ihr wie von allem andern, um mich zu erinnern und/oder zu sortieren. Gehen Sie gerne sofort weiter oder weg, wenn Sie finden, dass es schon mehr als genug Catcontent im Internet gibt.

Es blieb nur ein Tag, um zu realisieren, dass die Katze unheilbar krank war. Dann schon kam die Tierärztin zu uns nach Hause, um das Leiden des Tieres zu beenden.

Was ich in den 24 Stunden zwischen Diagnose und Tod realisiert habe: Wie sehr mein Herz an meinen beiden Katzen und speziell dieser, die so schnell nicht mehr da sein würde, hängt. Und wie weh es tun kann, Abschied von einem Haustier nehmen zu müssen, das sieben Jahre lang ein lebendiger Teil meines Alltags war.

37 Jahre meines Lebens bin ich sehr gut ohne Katzenklos und Katzenhaare in der Wohnung ausgekommen, konnte Fenster und Türen öffnen, wann ich wollte und musste auch fürs Wegfahren nur wen finden, der alle paar Tage nach Blumen und Post sah. Alles prima. Meiner Sympathie für die flauschige und eigensinnige Haustierspezies reichte es lange aus, zuweilen ein Katzenfräulein zu sitten und mir Komplimente von Katzenbesitzern einzuheimsen, wenn ihr gastscheues Tier plötzlich um meine Beine schnurrte oder gar auf meinem Schoß saß, ohne dass ich was unternommen hatte. A catperson is a catperson is a catperson.

Dass ich mich dann an einem Tag Anfang Februar mit einer Freundin im Aachener Tierheim wiederfand, um nur mal zu gucken, ob es derzeit überhaupt Wohnungskatzen in der Vermittlung gab, lag an ein paar Lebensumständen und an einem Spruch im Katzenkalender von Freunden: „Man lacht viel häufiger, wenn man eine Katze hat.“ (Mirjam Pressler)

Im Tierheim war ein einziges Katzengespann, das als Wohnungskatzen vermittelt wurde. Zwei mussten es im Fall der Fälle eh sein, da tagsüber niemand Zuhause sein würde. Das soll man keiner Katze alleine antun, wenn sie nicht wenigstens rauskann. Von diesem Katzengespann, die drei und vier Jahre alt waren und gemeinsam nach dem Tod ihrer Herbergsmutter ins Tierheim gekommen waren, saß eine unbewegt hoch im Regal und ließ sich ohne weitere Regung mit geschlossenen Augen von mir streicheln. Die andere sah ich kaum: Sie rannte fluchtartig in den kleinen umzäunten Außenbereich des Geheges und versteckte sich.

Es gab keine Gründe, mich beim allerersten Gucken im Tierheim überhaupt zu entscheiden und dann noch für diese beiden. Aber es war schon passiert. Wie manchmal in meinem Leben. Das zu ergründen ist müßig und sowieso ein eigenes Thema.

Einmal drüber schlafen wollte ich aber doch, musste eh mit meinem Vermieter sprechen und die Katzengrundausstattung kaufen. Die Nacht war schrecklich. Das Tierheim bot keine Reservierungen an und so wusste ich nicht, ob die zwei Katzen, für die ich mich längst entschieden hatte, am nächsten Morgen noch da sein würden. Sie waren es, die Mitarbeiterin fing die beiden ein und die Freundin, die auch tags zuvor dabei war, fuhr mich und die beiden nach Hause. Als wir dort die Transportkörbe öffneten, kam mir die Ungeheuerlichkeit meines spontanen Entschlusses vor Augen: zwei fremde Wesen nahmen Besitz von meiner Wohnung und würden ohne weiteres nicht mehr daraus verschwinden.

Um endlich zur Katze, die jetzt nicht mehr ist, zu kommen: So unsichtbar sie im Tierheim war, dachte ich: Immerhin lässt sich die andere streicheln. Das ist ja schonmal was. Und wenn die zwei sich verstehen, soll mir das recht sein. Wer jedoch warf sich nach wenigen Stunden in meiner Wohnung vor mich auf den Boden, um sich durchkraulen zu lassen? Dieses schreckhafte Wesen. Und so vertraut mir beide mit der Zeit wurden und nur bei Besuchern wegrannten oder um sich schlugen: Von dieser jüngeren Katze habe ich in besonderer Weise Pause machen und genießen gelernt. Was die drei weiteren Menschen, die sie mit der Zeit an sich ranließ, übrigens bestätigen. Wenn sie gestreichelt werden wollte, machte sie das nicht nur unmissverständlich klar und schmiss sich notfalls so an einen ran, dass man keinen Rollkragenpullover mehr brauchte. Sie zerfloss auch derartig vor Wonne, dass man sofort mit ihr tauschen wollte, keinesfalls aber aufhörte.

Gleichzeitig, und fragen Sie nicht, wie das zusammenpasst, war sie die Schreckhafteste von allen Katzen, die mir bislang begegnet sind. Ein Niesen eines vertrauten Menschen reichte, dass sie Reißaus nahm und in der nächsten Viertelstunde nicht mehr auftauchte.

Gleichzeitig, und fragen Sie nicht, wie das zusammenpasst, war sie die neugierigste Katze der Gegend. Als mir beide Katzen in der Aachener Stadtwohnung mal entwischt waren, war sie diejenige, die in Kürze im Dachfenster einer Wohnung im Nachbarhaus verschwand. Was sie da gesehen hat? Sie kam zu aller Beteiligten Glück nach 10 Minuten ohne Goldfisch oder Papagei im Maul wieder raus.
Seit sie nicht mehr da ist, stehen hier in der Wohnung Kartons aller Größe ungenutzt in der Gegend rum, die wir aus Routine nicht sofort ins Altpapier bringen, da doch sicher eine Katze damit spielen will. Von wegen. Die Karton und Kistenkatze ist weg. Der Wäschekorb mit Deckel, der ihr liebstes Dauerversteck war, ist verwaist. Es werden keine Schranktüren mehr mit Samtpfoten geöffnet, keiner klettert mehr in den letzten Winkel auf dem obersten Regalbrett. Es ist fast langweilig geworden, eine Katze im Haus zu suchen, seit der neue Kater nicht mehr seine Anfangspanik schiebt.
Die fünf Jahre, die sie nach dem Umzug an den Rhein noch Freigängerin sein konnte, hat sie ausführlich für sich genutzt. Sie war eine gute Mausfängerin, hat das Eichhörnchen nach spektakulärer Jagd bis in Baumwipfel zum Glück nicht erwischt, machte die längsten Streifzüge durch die Gegend, war schneller als alle Hunde der Nachbarschaft und räkelte sich mit Wonne auf von der Sonne warmen Steinen.

Alles ganz normale Katzengeschichten, vermutlich. Da die jüngere Katze mit der sehr dominanten bis kratzbürstigen älteren Katze die ersten ihrer Spezies waren/sind, die ich so nah in meinen Alltag ließ, war das alles für mich besonders. Dass ich mit diesen Katzen, wahrscheinlich speziell mit der neugierigen, überraschenden jüngeren Katzendame mehr gelacht habe, als ohne feilde Mitbewohnerinnen, ist auch Fakt und ließ über die Jahre nicht nach.

Sie, die jetzt fehlt, war die, bei der ich zwischendurch immer mal dachte: Sie kommt eines Tages einfach nicht mehr nach Hause. Dass sie 14, 16, gar 20 Jahre alt werden würde, hab ich bei ihr nie vermutet. Dass sie nach 10 Lebensjahren so schwer und so aggressiv krank werden würde, dass keinerlei Chance auf Heilung bestand, das war sehr bitter. Aber dass es sie bis dahin gab, war – mit der Nummer Eins hier im Haus – das Beste, was mir in meinen ersten sieben Katzenjahren passieren konnte.

Zum Schluss noch ein Bild von der schönen Katze mit dem weichsten Fell und dem buschigsten Schwanz. Und zwei von ihrem liebsten Versteck in der Wohnung. Hier in der ungewöhnlich sichtbaren Variante.

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3 Gedanken zu „A cat is missing (125/366)

  1. liisa

    Schön geschrieben und ja, es ist ein Verlust diese wunderbaren Lebewesen zu verlieren, wenn man mit ihnen zusammen gelebt hat. Das Genießen von Pausen, das Entspannen habe ich auch von meinen Katern lernen dürfen und noch so einiges anderes. Was Mirjam Pressler gesagt hat, kann ich voll unterstreichen. Mit Katzen lacht man auf jeden Fall JEDEN Tag und mehr als man es sonst getan hätte.

    Das war aber auch wirklich eine sehr schöne Katze! Ich hoffe, die schönen Erinnerungen an sie, lassen Deine Trauer und den Verlust mit der Zeit etwas verblassen.

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