Unerhörte Geburtstagsumleitung (127/366)

Nicht nur, dass der alte Herr im Zweifel war, wann der nächste große Geburtstag ansteht, jetzt schlägt es auch noch in anderer Hinsicht Dreizehn: Erstmalig lädt ein Mitglied der Familie zu einer Vorabfeier ein. Dass das sehr kurzfristig passiert, finden selbst die Schwiegerkinder inzwischen nicht mehr seltsam. Ihnen wird eher schummrig, wenn in der Familie der Öcherin etwas langfristig geplant wird. So gab es dieses Jahr schon im September eine Einladung für den ersten Weihnachtstag – und der Reisegefährte fiel vom Glauben ab.
Also, dass der Alte Öcher erst acht Tage vorher einlädt: Nichts besonderes, zumal es ja kein großes Fest werden soll. Aber: einen Tag früher? Abergläubig ist hier auch keiner, aber alle sind verplant. So richtig mit Arbeit, oder nur, um miteinander Plätzchen zu backen, aber das war schon schwierig genug zu terminieren. Was tun? Die mit der Arbeitsentschuldigung wagt sich am weitesten nach vorne. „Lieber alter Öcher, das gab es noch nie! Natürlich kannst du feiern, wie du magst und wann du magst. Aber wir, wir haben seit zwanzig Jahren endlich verinnerlicht, uns den Wochentag des Geburtstages halb oder gar komplett freizuboxen, damit ihr feiern könnt, wie euer Fest fällt. Und jetzt sowas? Das geht nun wirklich nicht.“
Das alles wird nichts nützen: Der alte Öcher wird die nächsten Tage wieder und wieder anrufen und arglos fragen, ob jetzt mit Sonntag alles klar geht. Anfänglicher Gedächtnisverlust hat anscheinend auch seine Vorteile: Dass die andern gestresst sind, bekommt man nicht mehr mit und erinnert es schon gar nicht. Zwei Drittel werden schließlich das Essen am Sonntag möglich machen – und natürlich mit dem andern Drittel montags nochmal auftauchen, denn am Tag selber ist ja schließlich der einzig wahre Feiertag. Haben uns unsere Eltern mühsam beigebracht.

Die Theologin der Familie hat übrigens noch eine andere These zur Geburtstagsumleitung: Nach 84 Jahren Geburtstag an Allerseelen, der immer auch mit einem Messbesuch gefeiert wurde, obwohl der alte Öcher nicht grad zu den formal frömmsten gehört, und der immer mit mehr oder minder traurigen Gebeten, Liedern und Predigten zum Gedenken unserer Toten einherging, regt sich im alten Herrn, dem dieser Messbesuch von niemandem aus der Familie je nahegelegt worden war, anscheinend eine verklärte Ader: Durch die Vorverlegung landet die Feier nun auf dem Hochfest Allerheiligen, also all derer, die es, sehr salopp gesprochen, geschafft haben, tot oder sogar auch lebendig.
Na dann, alter Öcher, lass dich zweimal schön feiern. Und lass vom Allerheiligenglanz ein paar fette Strahlen in dein Herz, wer weiß, wofür es gut ist. Und nächstes Jahr feiern wir dann schön, an einem Dienstag, deinen 86.

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