Für einen anderen eine Entscheidung treffen (172/366)

Ich habe heute dem Krankenhaus unsere Entscheidung mitgeteilt, in einer Anfangsverdachtsache beim Alten Oecher zum jetzigen Zeitpunkt keine weiteren Schritte zu unternehmen. Die Ärztin klang erleichert und sagte, dass sie privat genau so handeln würde: Dem betagten Körper die Strapazen ersparen, die eine bestimmte Diagnose nach sich ziehen würde. 

Ich habe nach dem Ende des Gesprächs das Handy noch so grade weglegen können und dann minutenlang sehr geheult. 

Was sind das für Entscheidungen, die man treffen muss! Sind die richtig? Wenn doch medizinisch heute so viel machbar ist, kann man auf diese Möglichkeiten verzichten? Bewertet man da altes Leben fälschlicher Weise anders als jüngeres? Mit welchem Recht?

Einer aus unserer Runde, der mehr mit letzten Wegstrecken im Leben zutun hat als wir anderen, stellte diesbezüglich die für mich entscheidenden Fragen, die auch bei der Ärztin am Telefon anklangen: Wenn man alles macht, was möglich ist: Wird es, nach dem was man abschätzen kann, für den Patienten eine Verbesserung des Gesamtzustands und mehr Lebensqualität geben? Zumindest aber keine Verschlechterung? Und alle mit Ahnung und meine Intuition beantworten das mit einem klaren Nein. 

Ja, ich bin überzeugt, das Richtige getan zu haben. Aber auch froh, über meine emotionale Reaktion, nachdem es ausgesprochen und in der Krankenakte des alten Oechers dokumentiert war.
Leben eben: Entscheidungen von Tragweite für jemand anderen treffen müssen, der das selber nicht mehr kann. Wenn man sehr an demjenigen hängt, wird es um so schwerer. Aber auch um so wichtiger.

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Ein Gedanke zu „Für einen anderen eine Entscheidung treffen (172/366)

  1. liisa

    (((oecherin)))

    Ja, das ist eine große Verantwortung und verlangt einem alles ab. Es gibt für nichts eine Garantie und Entscheidungen, die man nach langem Abwägen endlich getroffen hat, müssen kurze Zeit später wegen irgendwelcher neuer Fakten wieder neu bedacht und unter Umständen sogar über den Haufen geworfen werden. Ich wünsch Euch allen viel Kraft, Weisheit und Offenheit miteinander über das, was Ihr denkt und fühlt und die Fähigkeit Euch auch gegenseitig annehmen zu können, wenn ihr unterschiedlich denkt und fühlt.

    Ich habe aus der Ferne den Eindruck gewonnen, dass Ihr einen guten Zusammenhalt in der Familie habt. Das ist in solchen Zeiten Gold wert, dass man sich nicht noch nebenher in anderen Konflikten, die gerade wenn sich Druck und Stress erhöhen, neu aufbrechen oder verstärken, herumschlagen muss.

    Es ist auch ein Segen, dass Du Deine Tränen laufen lassen kannst. Das ist wichtig für die eigene emotionale Balance. Viel Kraft Euch allen!

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