Eine Einzelhandelsgeschichte (234/366)

Ich weiß, dass es dem Einzelhandel nicht gut geht. Ich weiß, dass ich durch mein Kaufverhalten im Internet dazu beitrage. Ich weiß, dass man auch mal einen schlechten Tag haben kann, wenn man im Einzelhandel arbeitet und dass das weder was mit der konkreten Kundin noch mit der Buisness-Großwetterlage zu tun haben muss.

Ich weiß, dass meine heutige Erfahrung nicht symptomatisch sein muss, auch wenn ich sie so erlebt habe.

Aber, um von vorn zu beginnen: Einen Geschirrspüler, eine Waschmaschine und zwei Fotoapparate haben der Reisegefährte und ich zuletzt erworben. Wir haben uns über diese Geräte im Netz informiert und sind mit diesen mehr oder weniger rudimentären Kenntnissen in ein Fachgeschäft für große Haushaltsgeräte und in ein Fachgeschäft für Kameras gefahren. Wir sind jeweils sehr gut beraten worden, haben uns vor Ort entschieden und in den jeweiligen Geschäften gekauft. Wir wussten, dass wir das eine oder das andere Gerät im Internet für 10-60 Euro günstiger bekommen hätten, waren aber keinen Moment in der Versuchung, uns für die Beratung zu bedanken und noch im Auto die Geräte online zu bestellen. Nichts lag uns ferner.

Nun stellte sich bei meiner Kamera in den letzten Tagen raus, dass ich das USB-Datenkabel, das im Lieferumfang dabei gewesen sein soll, entweder unbenutzt schon verkramt habe, oder es doch nicht bei der originalverpackten Kamera dabei war. Da der Kauf schon etwas zurückliegt und das Fachgeschäft nicht in unserer Stadt ist, biss ich den sauren Apfel und recherierte, wo und wie ich Ersatz bekommen könnte. Für Zubehör ist meine erste Adresse dann doch auch ein großer Internetdealer. Da die Angebote aber alle keine Originalprodukte waren, zog ich vor, in meiner Stadt nach dem Kabel zu suchen.

So ging ich heute als erstes, weil näher gelegen, zu einem Elektrogroßmarkt in Bonn, sah nach 10 Minuten den ersten Verkäufer im Kamerabereich, verpasste ihn um eine Hunderstelsekunde gegenüber einem Herrn, der eine längere Beratung zu brauchen schien, wartete trotzdem noch 5 Minuten in der Nähe der beiden, aber zog dann ab: Schließlich gibt es in der Nähe auch ein Fotofachgeschäft.

Warum das nicht meine erste Wahl war, wusste ich nach dem Besuch dort. Ich fühlte mich im Fachgeschäft noch unwohler als im Großmarkt. Eine Kundin kramte in Bilderrahmen, vier Mitarbeiter standen rum. Ich sprach den ersten an, der mich an einen Kollegen verwies. Der hörte mir mit unbewegter Miene zu, als ich mein Anliegen vortrug. Was er dachte, weiß ich nicht. Für mich war es so, als würde er mich unhöflich anblöffen: „Was müssen Sie auch Zeugs im Internet statt bei uns kaufen. Wenn Sie die Kamera bei uns gekauft hätten, hätten sie auch ein USB-Datenkabel. Ihretwegen verlier ich bald meinen Arbeitsplatz.“ Das kam für mich so hörbar rüber, obwohl er kein Wort sagte, dass ich fast ungefragt die Adresse des Fachgeschäfts nennen wollte, in dem ich die Kamera gekauft hatte.

Er suchte das Kabel für mich raus, überprüfte in einem Originalkarton der Kamera, ob es das richtige sei, stellte fest, dass es nicht so war, behob den Fehler und nannte mir den Preis. Da er zwischendurch einmal vor sich hingemurmelt hatte, dass das Kabel auch bei Kameras einer anderen großen Fotomarke passen würde, stoppte ich genau an dieser Stelle den Kaufprozess. Ja, 14 Euro für ein möglicherweise nur verkramtes Kabel, dass dann noch nicht mal für die Kamera spezifisch ist, fand ich schon auch viel. Und da der Reisegefährte ausschließlich Kameras der beiläufig erwähnten Fotomarke benutzt, sagte ich: „Oh, da sollte ich erst meinen Mann fragen, ob er nicht noch ein solches Kabel rumliegen hat.“ Der Blick des Verkäufers wechselte von unbewegt in Richtung eisig. „Jetzt bestellt sie es doch im Internet. Wusste ich es doch,“ meinte ich ihn denken zu sehen. „Oder können Sie mir sagen, welche Kameras der Fotomarke das sind?“ schob ich also schnell hinterher. „Da gibt es so viele, das können Sie vergessen,“ war die Antwort. „Aber ob das Kabel zum Beispiel auch bei Spiegelreflexkameras, Bridges oder Kompaktkameras dabei ist, können Sie da was ausschließen?“ Ich ließ nicht locker. Er: „Klar: Nur bei einigen der kleineren Kameras könnte es passen.“ „Sehen Sie, dann ist die Frage gelöst und ich nehm das Kabel jetzt sofort mit.“

Wer hat da wessen Job gemacht? Und warum hab ich dieses Geschäft mit dieser Beratung / Atmosphäre / Expertise unterstützt und ein fast doppelt so teures Nicht-Original-Kabel gekauft gegenüber denen, die ich im Internet gesehen hatte?

Ja, für große und teure Apparate, bei denen ich eine Beratung wünsche und einen Kundenservice, für den ich nicht gleich ein ganzes Gerät durchs ganze Land mit der Post schicken muss, werde ich weiter zu Fachhändlern meines Vertrauens gehen. Da werde ich auch, wie bei Fotofachgeschäft Nummero eins geschehen, einen Teil des Zubehörs kaufen, auch wenn ich weiß, dass ich es anderswo günstiger bekommen kann. Das ist dann wie mit den Getränken im Restaurant: Da sollen sie ruhig was dran verdienen, wenn der Service stimmt.

Aber wofür ich wo nicht mehr hingehe, das wird mir nach Erfahrungen wie heute immer deutlicher.

Advertisements