Zum Gründonnerstag (277/366)

Ein Abschiedsessen. Ein letztes Mal in vertrauter Runde zusammensitzen. Wie oft weiß man erst hinterher, dass es das letzte Mal war. Und kramt im Kopf nach Worten, Gesten, nach etwas, das man von dieser letzten Begegnung in der Erinnerung festhalten kann. Von zwei Abschieden, die ich erleben musste, ohne zu wissen, dass es Abschiede sind, hab ich sowas gefunden. Im Nachhinein. Einmal eine große Geste und einmal vier Worte, beides für mich ganz persönlich wichtig.

Einmal, nach dem plötzlichen Tod meines Großvaters, haben sich außerdem im Laufe des Tages alle aus der Großfamilie, die es möglich machen konnten, in seinem Haus eingefunden und in den Wintergarten gesetzt und die Verwunderung über den so unerwarteten Abgang geteilt und versucht zu realisieren, dass es wirklich so ist. Einige waren vorher dort gewesen, wo er am frühen Morgen starb und haben seinen toten Körper gesehen und sich leibhaftig verabschiedet. Die anderen konnten oder wollten das nicht. Alles war okay. Wichtig war, am Ort zusammenzukommen, wo man sooft mit ihm gesessen und gefeiert hatte.

Und irgendwann hat einer eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank geholt, wissend, dass da immer mindestens eine lag. Er hat vielleicht leicht verlegen gegrinst, ist aber nur auf Zustimmung gestoßen, überwiegend wortlos. Lächelnd, nickend, oder die kleinen Gläser aus dem Regal nehmend. Wenn ein alter Mann nach erfülltem Leben stirbt, was will man sagen. Es kann sich trotzdem zu plötzlich und zu früh und viel zu schmerzlich anfühlen. Selbstverständlich war für uns in diesem Moment jedenfalls, zu handeln, als wäre er dabei. Das hieß: Zusammenzusitzen, mit oder ohne Glas Weißwein in der Hand, und Geschichten erzählen oder Geschichten zu hören, lachen, singen. Gesungen haben wir an dem Tag womöglich nicht, gelacht bestimmt. Und haben, feierlich gesagt: Leben geteilt. Aber warum große Worte benutzen für etwas, was an diesem besonderen Tag uns allen völlig normal war und an diesem Ort mehrfach im Jahr stattfand. Bis heute ist der Gastgeber so vieler Gelegenheiten ziemlich unspektakulär bei uns, wenn das Leben gefeiert wird.
Prosit. Auf die Liebe. Auf das Leben.

(An Ostern jährt sich der Geburtstag meines Großvaters zum 105. mal. Sein Tod ist 22 Jahre her. Ich denke oft an ihn. Und es gibt regelmäßig Momente wie diesen, in denen ich ihn sehr schmerzlich vermisse.)

Advertisements

Ein Gedanke zu „Zum Gründonnerstag (277/366)

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.