Schrankensituation (284/366)

Geh nicht nach Bonn, haben sie gesagt. Sieh dich vor. In Bonn regnet es, haben sie gesagt, und gleichzeitig sind die Schranken runter. Überleg es dir gut, haben sie gesagt.  

Das dachte ich heute schmunzelnd, als ich ca. 10 min im strömenden Regen an einer Bahnschranke warten musste. Das sagt man halt so von Bonn und anderen Städten, in denen gut befahrene Zugstrecken mitten durch die Stadt führen. Genau genommen mag ich diese Bahnübergänge sehr. Im Studium musste ich täglich die Schienenseite wechseln, um von Kessenoch zur Uni zu kommen. Da war ich es einerseits gewohnt, kurz zu warten, kannte mit der Zeit aber auch intuitiv den Bahnfahrplan so gut, dass ich wusste, ob sich das Warten lohnt oder ob ich besser ein oder zwei Übergänge weiterradle. Für den klassischen Veranstaltungsbeginn um Viertel nach der vollen Stunde hieß das oft: Wenn nach IC soundso von Süden die Schranken nicht hochgehen, hat IR derundder Verspätung und vor IC trallala aus dem Norden reicht die Zeit nicht, die Schranken hochzumachen. Wenn dem so war, musste man westlich der Bahn zum einem andern Übergang weiterfahren, notfalls sogar bis zur Unterführung an der Poppelsdorfer Allee, die unbeliebt war, weil man absteigen musste oder schon mal mit der Polizei Ärger bekam. Wenn man stattdessen einfach wartete, kam man zu spät zur Uni.

Dabei stand ich dort, an der Schumannstr., ganz gerne ein paar Minuten: Es hatte etwas Vertrautes sich mit andern da zu sammeln, die man nicht kannte und mit denen man in der Regel auch nicht sprach, die aber, wie ich auch, diesen Übergang als den eigenen bezeichneten. Und die zwei drei Minuten Unterbrechung des Alltäglichen und des Eiligen und des Verzweckten, die damit einhergingen, mochte ich immer schon. Mich unterbrechen brechen lassen und was anderes sehen und denken, als geplant: Super. Oder kurz weiter im eigenen Tagtraum versinken. Auch schön.

Und dass ich oft klatschnass dort gestanden hätte, oder erst an der Schranke so richtig durchgeweicht bin, kann ich nicht erinnern. Auch wenn es die meiste Zeit meines Studiums noch kein Studiticket und damit keine bezahlbare Alternative zum Fahrrad gab.

So wie ich jetzt wohne, liegt kein Bahnübergang auf meinen üblichen Wegen. Nur wenn ich nach der Arbeit einkaufen gehe, was nicht sehr oft vorkommt, habe ich die Wahl, mit oder ohne Schrankenrisiko nach Hause zu fahren. Und inzwischen wähle ich normalerWeise die Schrankenvariante und freu mich, ganz nostalgisch, wenn ich ein paar Minuten dort warten kann.

Eine kleine Unterbrechung eben. Um mal eben was anderes zu denken, das Rezept für den Abend zu googeln oder dem eigenen Tagtraum zu verfallen: Nette Sache. 

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2 Gedanken zu „Schrankensituation (284/366)

  1. liisa

    Hach, da wer ich glatt auch nostalgisch! Ja, die Schranken und die Hassliebe der Bonner zu ihnen. Aber so viele Geschichten und Anekdoten und Erinnerungen, die an sie geknüpft sind. Wenn man die mal alle sammeln und aufschreiben würde, man könnte garantiert ein Buch damit füllen.

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  2. Julia

    Ach, wie schön! Das kann ich richtig gut nachvollziehen, wobei ich zum Glück nur sehr selten Schrankensituationen im Bonner Süden hatte, wenn ich vom Studi-Job einen ganz bestimmten Weg gefahren bin (weil ich die Viktoriabrücke umgehen wollte. Fragt sich jetzt, was schlauer war :D).
    Nostalgische Grüße
    Julia

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