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„Und wo hast du den Reisegefährten gelassen?“ Bei fast jeder Begegnung auf dem gestrigen Sommerfest musste ich diese Frage beantworten. Ja, er war nicht dabei und die näherstehenden Menschen haben ihn gewiss vermisst. Schließlich vermisste auch ich die Mutter meines jüngsten Neffens und fragte nach ihrem Verbleib. Aber häufiger war die Nachfrage sicher Smalltalk-Thema und Konvention. Und letztere ärgert mich, wenn die Fragenden den Reisegefährten nicht wirklich kennen, womöglich nicht mal sicher seinen Namen wissen, oder sogar den Bereich der Zwischentöne verlassen, wenn sie fragen: „Wo ist dein Chef abgeblieben ?“ Na danke. 

Nicht nur weil ich lange ohne Begleitung zu solchen Festen ging, kommt es mir komisch vor, regelmäßig auf meinen Mann angesprochen zu werden. Warum fragen Menscben, die sowieso mich besser kennen als ihn nicht einfach, wie es mir geht? Die erste Frage nach dem Verbleib des Mannes ist genau so doof, wie Mädchen als erstes ein Kompliment für ihr Aussehen zu machen, statt zu fragen, was sie grad Interessantes lesen oder spielen oder gestalten. Reduktion aufs Schönsein und den Körper da, auf die Frau als Teil eines Paared, eines Wirs dort.  

Diese Konvention in Paaren zu denken nervt mich sehr. Weil sie das zufriedene oder zumindest akzeptierte Alleinsein von Menschen unangemessen berührt. (Eine Freundschaft ist vor allem daran zerbrochen, dass mich die Freundin immer wieder mitleidig fragte, wie es mir denn ohne Mann und Kinder ginge.)  Und weil sie die Vollständigkeit von Personen in Beziehungen in Frage stellt.

Ich möchte den Reisegefährten nicht mehr missen und vermisse ihn, wenn wir aus Gründen ein paar Tage nicht am selben Ort sind. Aber es gibt so viel mehr als ein Wir bei uns. Ich bin und bleibe für mich alleine komplett. Ich habe die Freiheit, einen länger geplanten Kurztripp mit Freund_innen abzusagen, um einem verschobenen Familienfest den Vorrang zu geben. Und das, obwohl der Reisegefährte klar den andern Entschluss trifft. Das ist völlig in Ordnung. Auch wenn es leider nicht der Konvention entspricht, sich in einer Beziehung gegen ein gemeinsames Wochenende zu entscheiden. 

Heute Abend hatten der Reisegefährte und ich einander viel zu erzählen und könnten noch Bilder zeigen, die wir uns nicht schon zwischendurch geschickt haben. Ich hab mich noch mal ganz anders auf ihn gefreut als im Alltag. Es war fast wie zur Zeit unseres Kennenlernens und Verliebtseins.

Liebe symbiotische Paare, die nicht mehr ohne einander können: Wenn ihr alleine seid, fallt ihr nicht um, weil die vermeintlich bessere Hälfte fehlt. Probiert es mal aus: Ihr bleibt weiterhin vollständig. Akzeptiert das zumindest bei anderen.

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Ein Gedanke zu „vollständig

  1. nurmalich

    Du sprichst da ein ganz wichtiges Thema an. Man sollte früh genug anfangen, das eigene Leben als selbständig zu lebendes Leben zu begehen, beziehungsweise nie damit aufgehört haben. So schön es ist, „zu zweit durchs Leben zu gehen“, so wichtig ist es aber auch, sich nicht darin zu verlieren.
    Gemeinsame Interessen sind natürlich wichtig, aber jeder braucht auch Raum für eigene Dinge.
    Ich kenne Paare, die man immer nur zusammen erlebt, die alles gemeinsam machen. Ich frage mich dann manchmal, was macht der eine, wenn der andere ihn verlässt oder stirbt.
    Oft bleiben da gebrochene Menschen zurück.

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