Notizen vom 28.7.16 – mit Elternbesuch

Früh auf, weil der Reisegefährte sehr früh los muss. Ein halbwaches Tschö, kurz bevor er geht, ist dann das Mindeste. Oft gibts nicht viel mehr, weniger auch nicht.
Früh ein paar Rechnungen bezahlt. Was einer so einfällt, wenn sie früher als sonst auf ist. Aus früh wurde unversehens knapp: Wo die Zeit hinrennt, wenn viel davon da ist: keine Ahnung.

Die Autobahn nach Aachen gleicht die meiste Zeit einem Dampfbad. Faszinierend immer wieder, wie viel angenehmer das Fahren auf den kurzen Stücken Flüsterasphalt ist, derer es viel zu wenig gibt. Man könnte denken, es würde auf den Abschnitten nicht regnen, müsste der Scheibenwischer nicht stetig weiterarbeiten.

Nach einem Arbeitstermin ein Stündchen mit einem guten Freund. Mit ihm unter anderm über zunehmende Sehschwäche, erste Kardiologenbesuche und andere Malässen ohne Ironie geredet, aber auch, ohne die Themen größer zu machen, als sie sind. Das war eine schöne Abwechslung zu den ewigen Witzchen, die sonst kommen, egal in welcher Konstellation man drüber spricht.

Elternbesuch. „Ich bin nicht früher aufgetaucht, um eure Routinen nicht zu stören.“ „Ach, Abwechslung ist aber auch mal schön.“
Zwei Viertelstündchen mit dem alten Oecher alleine sind sehr entspannt. Er geht in die Gastgeberrolle, schmeißt den Kaffeeautomaten an, serviert das Spülwasser als Espresso und kann mit drüber lachen und den Fehler umgehend korrigieren. Man könnte meinen, der alte Herr wäre ganz der Alte. Im Verlauf des Besuchs wird deutlich, dass er verständlicher Weise der selten anwesenden Tochter bei allen möglichen Themen freundlich zustimmt, Zusammenhänge aber leider meist nicht erfasst und widerspricht, wenn er realisiert, dass es um Aktionen für seine Frau und nicht für ihn geht. Ich wechsel aus der Tochter- in die Moderatorinnenrolle, die dem alten Herrn Dinge in einfachen Worten erklärt und die dazwischenflüsternde alte Dame („Das meint der nicht so“ „Mir sagt er immer was anderes“etc.) mit einer beruhigenden Hand auf dem Arm zu bremsen versucht. Und ich weiß wieder, warum ich nicht so oft dort bin: Es kostet mich zu viel Kraft. Ich mag sie beide, aber sie nerven mich beide auch. Und Gut und Böse sind nur ihre Kategorien und nicht wirklich zutreffend, auf keinen Fall eindeutig verteilt.

Neben dieser ewigen Anstrengung bei solchen Besuchen fällt mir auf, wie der alte Oecher aufs Ganze gesehen leiser und schwächer wird. In meinen Augen auch friedlicher, aber das können, wenn überhaupt, nur wir Kinder in ihm entdecken. Beide erschienen mir deutlich kleiner und zerbrechlicher als beim letzten Zusammentreffen vor ungefähr vier Wochen. Das berührt mich, aber sonderbarer Weise macht es mir weder Angst für die Zukunft noch ein schlechtes Gewissen, nicht so oft dort zu sein. Leben lässt sich nicht festhalten. Und mehr Nähe zieht mich tiefer runter als zum Vater-Credo des alten Oechers passt: „Ihr müsst eurer Leben leben.“
Es gibt mit beiden Einzelpersonen keine großen, unausgesprochenen Themen. Und es gibt hier und da Gelegenheiten, sie einzeln zu sehen und das Verbindende ohne viel Worte im Vordergrund zu haben. Mehr geht nicht. Jedenfalls nicht für mich, die ich jahrelang unter der Beziehung meiner Eltern und dem Druck, Partei ergreifen zu sollen, gelitten habe, weil ich mich verantwortlich fühlte.

Ein Kind ist nie für das Lebensglück seiner Eltern verantwortlich. Auch als Erwachsene nicht. Was die beiden als Paar nicht hinbekommen, aber auch nie angehen oder lassen, belastet alle in der Familie mit. Ein Kunststück, sich zumindest teilweise davon zu lösen. Das ist mir vor Jahren endlich gelungen, holt mich manchmal noch kurz ein und dann ist es mir wieder klar. Und ich geh – bei aller Liebe – weiter.

Heimkehr über trockene, sonnige und leere Autobahn. Ein paar Verrückte bringen mich dazu, meine Durchschnittsgeschwindigkeit zu drosseln. Life is precious.
Zuhause noch etwas Arbeit, jetzt noch privater Papierkram und Vorfreude auf den Reisegefährten, der gegen 22:30 Uhr von seiner Dienstreise zurück sein müsste. Gut gelandet ist er schon mal.

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Ein Gedanke zu „Notizen vom 28.7.16 – mit Elternbesuch

  1. liisa

    „Ein Kind ist nie für das Lebensglück seiner Eltern verantwortlich. Auch als Erwachsene nicht. Was die beiden als Paar nicht hinbekommen, aber auch nie angehen oder lassen, belastet alle in der Familie mit. Ein Kunststück, sich zumindest teilweise davon zu lösen. Das ist mir vor Jahren endlich gelungen, holt mich manchmal noch kurz ein und dann ist es mir wieder klar. Und ich geh – bei aller Liebe – weiter.“

    Hätte wortwörtlich von mir geschrieben sein können. Ich freu mich, dass Du es geschafft hast, Dich zumindest teilweise davon zu lösen und – bei aller Liebe – weiterzugehen. Ich habe das auch ebenfalls lernen müssen und weiß daher, wie schwierig es ist. Aber letztlich notwendig und für alle Beteiligten tatsächlich das Beste.

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