Was wir tun können (Kirche in WDR2)

Sie schaukeln nebeneinander und reden: Ein Junge aus Syrien und einer aus England. Ein Übersetzer unterstützt sie im Gespräch. Wer ist dein Lieblings-Fußballspieler? Was hörst du für Musik? Dass die beiden aus zwei Welten stammen, sieht man auf Anhieb nicht. Der eine ist unter Lebensgefahr in einem Boot auf die Insel Lesbos gekommen und ist auf der Flucht. Der andere ist mit seinen Eltern im Urlaub. Aus der Zeit, als die Balkanroute für Flüchtlinge noch offen war, gibt es ein eindrucksvolles Video über lauter solche Begegnungen. Ein Filmteam hat auf der Insel Lesbos jeweils zwei Menschen, die ein gemeinsames Thema haben könnten, miteinander ins Gespräch gebracht. Und es ist berührend zu sehen, wie Begegnung passiert.
Ich glaub, auch deswegen werde ich regelmäßig wütend, wenn ich mitbekomme, wie Vorurteile über fremde Menschen oder eine ganze Religion verbreitet werden. Wissen denn wirklich so wenige etwas über andere Kulturen und den Islam? Und vor allem: Kennen die wirklich niemanden aus einem anderen Kontext als dem eigenen? Auch ohne von einem Filmteam zusammengebracht zu werden, ist es doch möglich, ganz konkret Menschen zu begegnen, die nicht aus dem eigenen Dunstkreis sind. Und nach meiner Erfahrung ändert sich dann schon unglaublich viel. 
Alle Verständigung, aller Dialog fängt mit ganz einfachen Dingen an. Freundlich und offen sein. Im Alltag, im Stadtviertel, bei der Arbeit. Im Urlaub ist es oft besonders einfach möglich, eine andere Kultur kennenzulernen. Guten Tag sagen. Fragen, wie es geht. Übers Leben plaudern, nicht über irgendwelche Theorien. Nicht jeder ist jedem sympathisch, klar. Aber das ist unabhängig von Herkunft, Pass und Glaubensbekenntnis. Wie in einer guten Nachbarschaft.

Jedenfalls sollten wir uns nie mit Holzschnitten über die andere Religion oder Kultur zufrieden geben. Es kursieren so viele falsche Infos über die Religionen der anderen wie über die eigene. Extremisten und Fanatiker gibt es leider überall. Aber sie haben niemals und nirgendwo den Geist der eigenen Religion verstanden. 
Es ist eher so wie im Film über die Begegnung von Touristen und Flüchtlingen auf der Insel Lesbos vom letztem Jahr: Mit einem Menschen, den ich persönlich kennenlerne, der eine andere Muttersprache spricht und aus einer anderen Kultur kommt als ich, fängt Verständigung, Friede und das Wohlergehen für alle an. Im eigenen Umfeld, in der Gesellschaft. Und überhaupt.
Die beiden Jungs auf der Schaukel nannten übrigens als Lieblingsfußballer zwei, die jeweils noch eine andere Nation als die eigene hatten: Schweinsteiger und Ronaldo. Wie langweilig wäre es, an den eigenen Ländergrenzen mit dem Denken und Wertschätzen aufzuhören. 
Link zum erwähnten Film: The Island of all Together
Audio des WDR-Beitrags vom 4.10.16

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Ein Gedanke zu „Was wir tun können (Kirche in WDR2)

  1. unserlebenmitemily

    du hast das unglaublich schön geschrieben. Ich denke mir das immer wieder….im Urlaub klappt es doch auch, dass man andere Menschen kennen lernt, und sie akzeptiert. Warum kann man nicht einfach den Menschen sehen?

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