Vom noch älteren Oecher

Heute vor 113 Jahren wurde der Vater des alten Oechers geboren. Ein kleiner großer Handwerksmeister, der bis ins hohe Alter einigen betagten Damen die betagten Tischnähmaschinen reparierte, bis es die Dame, die Maschine oder der alte Herr gar nicht mehr taten. Wahrscheinlich gab es tatsächlich alle drei Varianten.

Ich habe länger nicht an ihn gedacht. Doch es reicht, einmal bewusst das Datum des heutigen Tages wahrzunehmen, und schon ist er sehr präsent in Bildern und Geschichten. Sie überschlagen sich sogar in meinem Sinn, schneller als ich die einzelnen festhalten und erzählen kann. Manche fallen ineinander wie Tetrisbausteine und bräuchten längeren Atem, um erzählt zu werden. Den hab ich um die Uhrzeit nach anstrengendem Tag nicht mehr. Ich öffne also schnell eine andere Datei und halte Stichworte und Assoziationsketten fest.Hier wink ich dem kleinen großen Mann freundlich zu, der mit Ende 60 Witwer wurde und die zwanzig weiteren Jahre seines Lebens, die sich weitgehend mit unser beider gemeinsamen Jahren auf diesem Planeten überschnitten, äußerlich zufrieden und sehr lange autonom weiterlebte. Der ohne äußerlich vorgegebene Termine einen so regelmäßigen Alltag hatte, dass mich das bis heute fasziniert. Der selbstbestimmt vom Haus in eine Wohnung an einem Seniorenheim zog, irgendwann Führerschein und Auto abgab, dann in eine kleinere Wohnung zog, irgendwann zum Mittagessen ins Heim ging und schließlich dort in ein Zimmer wechselte und mit 90 auf einer rund um die Uhr betreuten Station an diesem Ort starb.
Der sich irgendwann mit der Witwe seines besten Freundes für Urlaube, Ausflüge, die Feiertage, sowie für wöchentliche Skatabende bei meinen Eltern zusammengetan hatte, die impulsiv herzlich und herrlich laut war und so ganz anders als er. Er, der regelmäßig zu uns samstags essen kam, irgendwann immer das gleiche zu Mittag wünschte*, und in den letzten Jahren, in denen es ihm trotz fortschreitender körperlicher Einschränkungen wenigstens im Rollstuhl möglich war, dafür einen Fahrdienst in Anspruch nahm.
Der seine Enkelinnen irgendwann alle Regina nannte, auch wenn keine so hieß.
Den ich herzlich mochte, obwohl er sich nicht so viel aus uns Kindern zu machen schien und unnahbarer war als der andere, herzlich geliebte Großvater.

Es wird mir warm ums Herz, wenn ich an ihn denke. Und ich seh ihn lächeln und kurz seinen Hut anheben, wie es für ihn selbstverständlich und mehr als Formsache war.

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* Makkaroni, Frikadellen und Bratkartoffeln. Und zum Nachtisch Eis, und zwar diese sechseckigen kleinen „Eistorten“ einer führenden Eismarke, die es sonst nie bei uns zuhause gab.

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Ein Gedanke zu „Vom noch älteren Oecher

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