Notizen vom 21.11.16

In der S-Bahn fällt einem Mann am Fahrkartenautomaten etwas Wechselgeld auf den Boden. Er hebt es nicht auf, geht zu einem Platz, setzt sich, schaut das Wechselgeld in der Hand an, stutzt, steckt es ein. Drei Stationen lang hebt niemand das Geldstück auf. Dann steige ich aus.

Am Hauptbahnhof ist das Gleis 1 gesperrt. Die überregionalen Züge fahren von Gleis 2. Ein Wagenstandsanzeiger ist von Gleis 1 mit zu Gleis 2 umgezogen. Jemand hat aus der 1 mit Hand und Stift eine 2 gemacht.  Der Plan ist spiegelverkehrt, da Gleis 2 gegenüber von Gleis 1 ist. Das muss man erst mal kapieren und dann ans andere Ende des Bahnsteigs laufen. 

In Wuppertal bleibt ein Mann an meiner Sitzreihe stehen und sagt, ich säße auf seinem reservierten Platz. Die Digitalanzeige über dem Sitz ist aus. Er zeigt mir auf seinem Smartphone die Reservierung und liest sie vor: „Wagen 4 Sitz 28.“ „Hier ist Wagen 3“ tönt es aus einer der vorderen Reihen. „Das wusste ich nicht,“ sagen der Mann und ich. 

Auf dem Weg vom Zielbahnhof zur Unterkunft für die nächsten drei Tage trinke ich in einem Bäckereicafé einen Kaffee und ein Wasser und esse ein Roggenbrötchen, das mit Käse belegt ist. Am Nachbartisch unterhalten sich zwei Frauen. „Ich hab die kleine Heilpraktikerausbildung gemacht.“ „Ich die große.“ „Das war aber viel Auswendiglernerei, oder?“ „Ja.“

In der Unterkunft haben jahrzehntelang nur Männer gewohnt. Im Bad gibt es keinen Mülleimer.

Das Internet funktioniert einfach so. Und die Benutzung des Zimmertelefons ist ins deutsche Festnetz und in alle deutschen Handynetze inklusive. 

Der Tagungsbeginn ist von langen Redebeiträgen von Männern geprägt. Sie sind auch in der Überzahl. Eine Referentin stellt uns ihre Inhalte kurz knapp und halb szenisch dar.

Es gibt einen Gottesdienst. Er wird von einem relativ jungen Mann auf Latein gehalten. Er spricht die lateinischen Texte als wären sie es nicht und macht keinerlei Aufhebens. Ich erinnere mich an vieles und gehe fröhlich zum Abendessen.

Es finden sich zufällig fünf Frauen an einem Tisch. Ein Mann tritt hinzu und fragt, ob er trotzdem dazukommen darf, auch wenn er ein Mann ist. „Wenn ich bleiben darf, auch wenn ich als einzige kein Ordensgewand anhabe…“ antworte ich ihm lachend. Wir suchen noch mehr 5:1-Situationen, finden aber keine auffälligen. 

Der Abend endet außerhalb der einen Filterblase am Rande einer anderen, in der ChaiLatte aus ist und in der es stattdessen Kakao gibt. 

Ich gehe zurück zur Unterkunft, schreibe diese Zeilen und suche noch einen neuen Weckton, weil der aktuelle schon zu oft nicht mehr funktioniert hat.

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