Wie ich mich einst bettete

Wie ich mal als Studentin ein Palettenbett hatte und anderthalb Erinnerungen aus dem Zimmer, in dem das Bett stand.

Die 16jährige will sich ein Bett aus Paletten bauen. Für einen kurzen Moment denke ich: „Wow, ich hab doch höchstens kurz und wann überhaupt davon erzählt, dass ich so eins als Studentin hatte. Dass das solche Auswirkungen…“ Aber dann frag ich erstmal, wie sie darauf kommt. „Die sehen auf Instagram und youtube toll aus und mein Bett schwächelt. Außerdem sind die nicht so schwierig herzustellen. Und ich find die echt cool.“

Okay, ich bin nicht das Rolemodel in dieser Sache. Macht nichts. Vielleicht gibt es einen PatentantenCoolnessPunkt, dass ich sowas mal hatte. Und wenn nicht, ist es auch egal. Ich bin in meinen Erinnerungen unterwegs und das ist jedenfalls ein Gewinn.

So ungefähr mit 22 Jahren habe ich mich für einen größeren Schreibtisch und gegen mein Bettgestell entschieden. In das kleine Studentinnenzimmer in Bonn-Kessenich passte beides nicht rein. Und da damals Futons ähnlich angesagt waren, wie vielleicht heute selbstgebaute Palettenbetten, wählte ich einen größeren Schreibtisch und ein Futon. Der lag nachts in der Mitte der Zimmers und stand tagsüber zusammengerollt unter der Dachschräge, wo eh nicht viel anderes hinpasste.
Als ein Jahr später das Nachbarzimmer frei wurde und ich von zwölf eher schlauchmäßigen auf fünfzehn ziemlich quadratische Quadratmeter umzog, war wieder Platz für ein jederzeit benutzbares Bett da, aber kein Bettgestell für den Futon.
Aber der damals noch gar nicht so urbane Stadtteil Kessenich hatte auf der anderen Straßenseite noch nicht wie heutzutage einen Discounter, sondern einen kleinen Palettenhandel. Der musste ja als Wohnumfeld endlich für etwas gut sein, und tatsächlich schenkte man mir dort zwei Paletten. Keine Europaletten, die es auch Anfang der 1990er schon gab, sondern zwei, die in kein Pfandsystem eingebunden waren.
Die trug ich nacheinander nach Hause, wuchtete sie auf den Dachboden, der sich über meinem Zimmer befand und auf dem etwas Gerümpel stand, aber noch genug Platz war, dass ich in den nächsten Wochen dort die Paletten abschleifen konnte. Dazu kaufte ich Schleifpapier und bearbeitete das Holz von Hand. Das war anstrengend, hatte ein paar Schürfwunden und Schwielen zur Folge und dauerte eine Weile. Aber, auch wenn das nicht der Grund für die Handarbeit war, freundeten wir uns schonmal an, die Paletten und ich. Und dann hatte ich mein Palettenbett. Es war super, wieder jederzeit zwei Quadratmeter gemütlichen Wohnraums zu haben.

Das Foto, das ich als Beweisfoto meines Palettenbettes rausgekramt habe, erinnert mich an soviel mehr. Am Kopfende stand mein Bücherregal. Da waren auch meine Aufschreibbücher für Gedichte drin. Wenn man Interessantes, Verstörendes, überhaupt Merkenswertes, das man irgendwo las, nicht aufschrieb, hatte man es damals ja nicht mehr zur Verfügung. Man konnte es nicht kurz fotografieren oder im Internet schnell wiederfinden.
Ich hab auf dem Bett tagsüber viel Zeit verbracht. Nicht nur zum Lesen, ich habe dort auch Tagebuch und Briefe geschrieben und studiert.
Was ich ohne das Foto schon vergessen hatte: Mein Cello hing über dem Palettenbett an der Wand. Damals griff ich noch ab und zu in seine Saiten. Und daneben hing der Abzug eines Fotos von Rembrandts altem Mann im Lehnstuhl. Und meine Erinnerungen fahren Achterbahn und ich könnte soviel aus diesem Zimmer erzählen. Wie ich den Blick aus dem Fenster liebte und dass die Dusche im Keller war und das Klo übern Flur. Aber gemach, gemach, Oecherin, schlaf erstmal drüber und sortier das ein und andere.

Wie es mit dem Palettenbett weiterging, das sei noch erwähnt.
Es zog nach dem Studium mit mir in ein Pfarrhaus, wo ich plötzlich 70 statt 15 Quadratmeter bewohnen sollte. Für jedes Möbelstück ein Zimmer: Bett, Schreibtisch, Sessel. Da blieb es noch ein paar Monate meine Schlafstatt. Die Paletten wurden anschließend eine Weile unter dem neuen, breiteren Bett aufbewahrt und der Futon wurde verschenkt.

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