Amor (Kirche im WDR)

Manchmal komme ich an einem Haus vorbei, wo in der 1. Etage ein Junge wohnt. Ab und zu sitzt der am Fenster. Das Haus ist echt schäbig, würde ich sagen. Die Wände sind mit Graffitis beschmiert. Einmal sehe ich, wie der Junge mit den Fingern die Leute auf der Straße abknallt. Mir wird ganz anders, als ich das sehe. Und meine Gedanken gehen auf eine Reise, die mit der Realität des Jungen nichts zu tun haben muss. Ich denke an Kindersoldaten und wie blöd es überhaupt ist, dass es Krieg und Gewalt gibt. Ich denke an Kinder, um die sich niemand richtig kümmert und die auf sich allein gestellt sind. Die manchmal kein anderes Ventil für ihre Gefühle finden, als sie an anderen auszulassen. 
Und ich frage mich, ob vielleicht doch zu viele Killerspiele am Computer gespielt werden und die den Charakter verderben. Doch dann hab ich zum Glück genug von allen Weltuntergangsgedanken: Auch ich habe als Kind im Sommer gern mit Wasserpistolen gespielt. Und in Sachen Computerspielen vertraue ich mehr den Experten, die entwarnen. Jedenfalls ist mir ja auch niemand verdächtig, der bei Angry Birds stundenlang mit verschiedenen Vögeln auf grüne Schweine schießt. Muss man schon genauer hinsehen. Nicht gleich alles schlecht malen.

Und dann guck ich nochmal zu dem Haus, in dem der Junge am Fenster sitzt, und muss ganz schön schmunzeln: Eins der vielen Graffitis, die an der Hauswand stehen, ist das Wort AMOR. In großen Buchstaben. Das heißt bekanntlich Liebe, dieses Wort. Und der römische Liebesgott heißt so, dieser kleine süße Engel, der mit Pfeilen auf Leute schießt und die Liebe in ihnen entzündet. Was für ein schönes Bild. Das könnte ja auch der Junge im ersten Stock sein. Mit einem Lächeln gehe ich weiter. Und wünsche ihnen einen schönen Tag.
KIRCHE IN WDR 2 und 4 | 07.02.2017 |

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