Kompliment

Und da war heute dieser alte Herr, der im Café am Tisch gegenüber saß und ungeordnet auf einem Papier rumschrieb. Als ich mich mit Espresso Doppio, Crema di Fragola und einem Glas Wasser niederließ, merkte er auf. Ich wich dem Blickkontakt aus. Ich wollte alleine sein und nicht mit jemandem Fremdes reden. Ich versank umgehend im Genießen und Lesen und blickte nicht mehr auf.

Etwa eine Viertelstunde später nahm ich eine Bewegung wahr: Der alte Herr brach auf, kam einen Schritt auf meinen Tisch zu und begann leise zu sprechen, so dass ich zu ihm hochsah. „Danke, dass Sie da sitzen. Das ist so ein schönes Bild. Ich hab früher gemalt. Das wäre ein Motiv gewesen. Das nehm ich jetzt so mit. Wie Sie da sitzen und genießen. Mit Ihrer ganzen Fülligkeit, mit Ihrer Schönheit. Dankeschön.“

Sprachs, drehte sich um und ging, auf seinen Gehstock gestützt, sehr langsam davon.

Keine Ahnung, was das war. Oder ob das etwas sollte. Ob er das öfters macht, ganz egal wer wo alleine sitzt. Weil er einsam ist oder verwirrt oder manchmal jemand sagt, „Ach, setzen Sie sich doch.“ Was das heute aber für mich auf alle Fälle war: Ein wundervolles Kompliment. Als dicke Frau, die sich ungesundes hochkalorisches Hüftgold gönnt, bin ich keine oder abschätzige Blicke gewohnt. Ein Lob meiner Fülligkeit und Schönheit, das ging runter wie Crema di Fragola.

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2 Gedanken zu „Kompliment

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