Tantenleuchten (Notizen vom 19.8.2017)

Die Gesichter der drei Geschwister (76,77,79) fingen an zu leuchten, als ich sie nach ihrer Tante, meiner Großtante fragte, die ich zu meiner Kinderzeit noch liebenlernen durfte.

Mir war sie vor ein paar Tagen plötzlich wieder eingefallen, als ich dem Reisegefährten ein paar Miesmuscheln auf den Teller schob. Sonst mag ich ja fast nichts nicht, aber Miesmuscheln meide ich, wo ich kann. Ich denk halt gewöhnlich nur an Sand zwischen den Zähnen, der beim Essen dort hingekommen ist und nicht im Meer. Erst diese Woche fiel mir wieder ein, dass Muschelessen in meiner Kindheit ein Fest war, weil meine Großtante Anna uns aus diesem Anlass einmal im Muschelhalbjahr besuchen kam. Sie liebte diese Meeresfrüchte. Und sie war ein gern gesehener Gast, zog doch immer mit ihr Heiterkeit für ein paar Stunden ins Haus. Selber war sie Köchin gewesen, erst lange bei einer reichen Aachener Familie, dann in ihrer geschwisterreichen Familie, in der sie im Haushalt des Priesterbruders mit diesem, einer Schwester und der Mutter lebte. Das waren Zeiten. Ich lernte sie erst kennen, als die drei anderen schon nicht mehr lebten. Tante Anna, diese kleine Frau mit weitem Herzen und der wunderbaren Fähigkeit, auch über sich selbst herzhaft lachen zu können. Denk ich an sie, geht mein Herz auf und meine Mundwinkel entsagen der Schwerkraft. Ach, dass ich aber auch über Jahre Miesmuscheln weiträumig mied! So kam sie mir so lange nicht mehr in den Sinn.

Aber heute, bei einer kleinen Familienzusammenkunft, war sie wieder dabei, und es war ein Fest, das Leuchten in den Gesichtern ihrer Nichten und des Neffen angehen zu sehen, als ich ihren Namen nannte und nach Geschichten von ihr fragte. Auch die andern im Raum, die sie kannten, erinnerten sich gerne. Erinnerungsfetzen wurden zusammengetragen. Und Köpfe geschüttelt, weil partout niemandem das Sterbejahr einfiel. Dass es das Grab nicht mehr gibt, ist nur ein Anhaltspunkt. Aber heute war sie ja auch gar nicht so sehr tot. Sie hat uns zum Lachen und Strahlen gebracht.

Ja klar, die erzählten Geschichten schreib ich noch auf und bleib auch sonst an euch dran, werte Vorfahren! Ach, und dass auch kinderlose Tanten noch nach Jahrzehnten ab und an erinnert werden, ist überdies eine nicht unerheblich tröstliche Aussicht.

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2 Gedanken zu „Tantenleuchten (Notizen vom 19.8.2017)

  1. Andrea

    Vielen Dank für diese wundervolle Geschichte! Wir tragen doch alle irgendwie die tröstliche Erinnerung an eine Tante Anna im Herzen. Schön, dass sie von Zeit zu Zeit wieder bei uns ist! Danke für diesen wirklich schönen und so liebevollen Text!

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