Liebe Tante Anna

Liebe Tante Anna,
letzte Woche kamst du mir nach langem nochmal in den Sinn, als ich grade eine Miesmuschel auf den Nachbarteller schob und am Wochenende warst du dann unser Licht an einer äußerlich trüben Familienkaffeetafel. Ich hab seit dem weiter an dich gedacht und gestern eine seltsame Geschichte deiner Schwester aufgeschrieben. Und heute schickt mir meine Mutter, deine älteste lebende Nichte, eine Nachricht, dass jemand Jahr und Tag deines Todes wiedergefunden hat. Und: Er jährt sich heute.
Wie manchmal alles zusammenkommt.
Du bist seit 37 Jahren tot. Ich war grad mal elf Jahre alt, als du starbst. Dass ich noch so jung war, erstaunt mich heute am meisten, und dass ich dich trotzdem nicht nur in guter, sondern auch so gut in Erinnerung habe. Ich dachte, ich wäre 13-14 gewesen als du starbst. Nun denn. Ich halte fest: Bis man elf ist, kann man einen Menschen, den man nur bei Familienfesten und ab und zu zwischendurch beim Muschelessen und anderen Besuchen trifft, so lieb gewinnen und noch 37 Jahre später so herzlich und umfassend erinnern. Ich sehe und höre dein Lachen, sehe deine schönen dunklen großen Augen, fühle die Lücke in deiner rechten Hand, an der der Mittelfinger fehlte. Ich erinnere natürlich deine unglaublichen O-Beine, über die du selbst als erste und am herzlichsten lachtest, und die deiner Eleganz und Schönheit und Grazilität keinen Abbruch taten. Du warst bei allen Gelegenheiten ein gern gesehener, freundlicher, fröhlicher Gast. Die Erinnerung an deinen angenehmen Blick rührt mich heute sehr an.
Liebe Tante Anna, ich freu mich sehr, dass ich dich, als ich Kind war, getroffen habe. Was ist, wenn dich keiner mehr erinnert? Wer hätte in deiner/meiner/unserer Familie dieser Tage und überhaupt wieder an dich gedacht, wenn nicht das kleine Mädchen, das die Oecherin mal war, auf mehr als eine Art von dir beeindruckt gewesen wäre? Ach, ich mag da nicht drüber nachdenken, sondern mich grad nur daran freuen, dass die Sache mit dem Sterben und für-immer-weg-sein seit knapp einer Woche so relativ ist.

In Liebe!
Deine Großnichte

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Ein Gedanke zu „Liebe Tante Anna

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