Archiv der Kategorie: Glaubenssache

Ostersonntag

Was sucht ihr den Lebendigen unter den Toten?

Eine Frageraum, in dem ich aufgewachsen bin und der mich prägt, immer noch. Leben ist mehr als ich sehe, hoffe, glaube. Und wie ich das schreibe, staune ich, dass ich, je länger ich hier bin, mehr und mehr Leben sehe, hoffe, glaube. Entgegen allem, was dieser Tage nicht nur mich beunruhigt und empört. 

Die Liebe ist stärker als der Tod. 

Gründonnerstag

Diesmal unter Palmen, dieser Gottesdienst, der sich über drei Tage zieht. Prasselnder Regen aufs Kirchendach. Von der Predigt auf creole bekomm ich nur den Ton mit, und der macht mir Angst. Niemand lächelt. Von der Kultur vor Ort spüre ich nichts, nicht mal in der Musik. Ich sehne mich zurück nach den drei Ostern in Sambia bei ähnlichen Temperaturen wie hier, möchte das Trommeln, das Tanzen, das Lachen. Wo ich die englischen Gottesdienste mied und lieber die doppelte Zeit in Chitonga mitlachte, mitsummte, mitwippte. Und ich erinnere mich auch an einen Gottesdienst in Indonesien, in dem es zwar diesen positiven Weltkirchen-Effekt gab, den Ablauf zu kennen und Gebete passend, nur eben in anderer Sprache mitsprechen zu können. Aber nonverbal war kein einziger Funke unterwegs, nicht von den Gesichtern der Mitfeiernden, dem Ton der Verkündigenden, der Musik. Dann ist es hartes Brot, dabei zu bleiben. Egal wo auf der Welt. Innerlich geht das fast immer irgendwie. Aber.

Auf zum GründonnerstagsDinner im Hotel. Mahl halten.

Tis is the Season, Lentversion

Dieses Fastenzeit-Dings überfällt mich dieses Jahr mit sehr gemischten Gefühlen und Gedanken. Hier schreib ich ein paar davon auf.

Ich sehe um mich rum die üblichen kleinen Brüder der Neujahrsvorsätze und hab selber auch einen winzigen, über den ich aber nicht reden will. Perfekt, das hier so prominent zu erwähnen. Doch jetzt lass ich es auchstehen.

Ich sehe heute am Aschermittwoch lustige Sachen, wie ein WhatsAppFasten, das gar keines ist. Mein Reflex „Ist ja klar, dass ein kirchliches Angebot was gegen das Online sein hat“ löst sich auf, denn es geht bei der Aktion um tägliche Nachrichten in der Fastenzeit. Dafür schlägt der sehr geschätzte Social Media Watchblog ein Social Media Fasten vor und bringt mich damit mehr zum Nachdenken, als wäre es ein kirchlicher Vorschlag. Und die Kombination lässt mich weiter nachdenken. Und schmunzeln.

In meiner kirchlichen Hood nehm ich Originelles wahr, wie einen Garten im Bonner Münster, der mich an als erstes an die Birkendeko des Burgergrills Hans im Glück erinnert. „Mensch, gedenke, dass du grünst.“ ist das Motto, das ich dazu rausfinde, bislang leider noch nicht mehr.
Und mir gefällt besonders die ökumenische Kooperation von Mara Feßmann und Hanna Buiting, die in ihren Blogs statt vom Fasten vom Mehr erzählen wollen. Mit mehr Licht geht es heute los.

Ich selber stelle fest, dass ich mich an alten Themen abarbeite zu Beginn dieser Fastenzeit. Mir fallen Bußlieder meiner Kirche ein, die ich zum Glück erst mit Ende Zwanzig kennenlernte, als sie mich nicht mehr vom Grundakkord meines Glaubens abbringen konnten. Ich merke aber, dass da so ein großes Schattenwesen mal mehr mal weniger unterwegs ist, und mit Normen rumspukt, die zwischen Gott und mir sonst keine Rolle spielen. Wahrscheinlich bin ich noch erschöpft von gut drei Stunden Podcast über feministische versus katholische Ansichten zum Thema Sex, die ich häppchenweise in den letzten Tagen gehört habe und die sich mit „Untenrum frei“ von Margarethe Stokowski und “Die Theologie des Leibes. Einführung in die sexuelle Revolution von Papst Johannes Paul II.” von Christopher West beschäftigen. Ein paar Spitzen aus der offiziellen Sexualmoral meiner Kirche in der Prägung des vierten Papstes meines Lebens gehen mir nach. Da wurde im Podcast doch wirklich künstliche Empfängnisverhütung mit der Vergiftung der eigenen Großmutter verglichen*, anscheinend eine Analogie aus dem West-Buch. Und es gibt Harmloseres, das mich ebenfalls erschrickt. Das hat mit meinem Glauben, meiner Ethik, die ich beide für christlich halte, nichts zutun, große Teile des Frauen- und Männer- und Ehebildes stelle ich begründet in Frage. Und ich musste schnell ein zwei andere katholische Stimmen lesen, um mich etwas zu beruhigen, und um die Dann-Tritt-doch-aus-Stimmen aus dem Kopf zu bekommen.

Zu meinem diesjährige Aschermittwoch gehört weiterhin ein Erlebnis in der Stadt, das mich an ein anderes vor Jahren erinnert:

Dieses kurze peinliche Berührtsein, einen Mensch mit schmutziger Stirn in der Öffentlichkeit zu sehen. Sich dann erinnern: Aschermittwoch.

An einen Aschermittwoch in Medellin denken. Da fiel vor 17 Jahren im Stadtbild auf, wer kein Aschenkreuz hatte. Auch ein Statement.

Und als all das endlich erlebt, erinnert und gedacht ist, streife ich es ab und lande, mit dem Auto auf dem Weg über die Chaussee durch den Wald auf den Hügel, bei einer Essenz meiner Variante von Menschsein. Wenn es an Aschermittwoch beim Auftragen des Aschenkreuzes heißt: Kehr um und glaub an das Evangelium, dann heißt das für mich ab heute besonders:

Denk an das, was dich als Menschenfreundin, Theologin, Christin und Feministin zutiefst berührt und froh macht. Ärger dich weniger über den Teil starrer Struktur und Inhalte, die den Geist, der dich bewegt, tötet. Guck woanders hin. Feier das Leben in Fülle, wo du es ahnst oder siehst oder mithervorbringst. Summ in deiner Tonart weiter, eins deiner Lieblingslieder: Gott, du Freundin des Lebens, in allem ist dein unvergänglicher Geist.

Die Fülle des Lebens, die dieser Jesus von Nazareth verkündet hat, ist sehr konkret, froh, bunt, individuell, gemeinschaftlich, humorvoll, gerecht, lebendig und lustvoll. Für die stehe, streite und lächle ich. In meiner Welt und meiner Kirche. Für vieles andere bin ich einfach nicht zu haben.

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* In Teil 1 des Podcasts, ab ca. Minute 31:45

Amor (Kirche im WDR)

Manchmal komme ich an einem Haus vorbei, wo in der 1. Etage ein Junge wohnt. Ab und zu sitzt der am Fenster. Das Haus ist echt schäbig, würde ich sagen. Die Wände sind mit Graffitis beschmiert. Einmal sehe ich, wie der Junge mit den Fingern die Leute auf der Straße abknallt. Mir wird ganz anders, als ich das sehe. Und meine Gedanken gehen auf eine Reise, die mit der Realität des Jungen nichts zu tun haben muss. Ich denke an Kindersoldaten und wie blöd es überhaupt ist, dass es Krieg und Gewalt gibt. Ich denke an Kinder, um die sich niemand richtig kümmert und die auf sich allein gestellt sind. Die manchmal kein anderes Ventil für ihre Gefühle finden, als sie an anderen auszulassen. 
Und ich frage mich, ob vielleicht doch zu viele Killerspiele am Computer gespielt werden und die den Charakter verderben. Doch dann hab ich zum Glück genug von allen Weltuntergangsgedanken: Auch ich habe als Kind im Sommer gern mit Wasserpistolen gespielt. Und in Sachen Computerspielen vertraue ich mehr den Experten, die entwarnen. Jedenfalls ist mir ja auch niemand verdächtig, der bei Angry Birds stundenlang mit verschiedenen Vögeln auf grüne Schweine schießt. Muss man schon genauer hinsehen. Nicht gleich alles schlecht malen.

Und dann guck ich nochmal zu dem Haus, in dem der Junge am Fenster sitzt, und muss ganz schön schmunzeln: Eins der vielen Graffitis, die an der Hauswand stehen, ist das Wort AMOR. In großen Buchstaben. Das heißt bekanntlich Liebe, dieses Wort. Und der römische Liebesgott heißt so, dieser kleine süße Engel, der mit Pfeilen auf Leute schießt und die Liebe in ihnen entzündet. Was für ein schönes Bild. Das könnte ja auch der Junge im ersten Stock sein. Mit einem Lächeln gehe ich weiter. Und wünsche ihnen einen schönen Tag.
KIRCHE IN WDR 2 und 4 | 07.02.2017 |

Tag der Menschenrechte

Mit fehlen dieser Tage die Worte zu einem Thema, über das ich aber auch nicht schweigen will. Die überarbeiteten Richtlinien für die katholische Priesterausbildung sagen zum Thema (Priesteramt und) Homosexualität nichts Neues, sondern wiederholen Bestehendes. Und das erscheint mir in vielerlei Hinsicht unfassbar: diskriminierend, selbstverleugnend, doppelzüngig und sowieso nach Stand von Medizin, Psychologie, Bibelwissenschaft und gesundem Menschenverstand komplett unhaltbar. Es schmerzt mich sehr und macht mich sehr wütend.
Wer zum Glück mehr Worte zum Thema fand: Peter Otten im Theosalon. Danke.

Und ich möchte noch einen weiteren Artikel dazu empfehlen. Er ist von Jesuit Thomas Reese und beginnt mit einem Ausruf, dem ich mich anschließe: „The idea that gays cannot be good priests is stupid, demeaning, unjust, and contrary to the facts. I know many very good priests who are gay, and I suspect even more good priests I know are gay.“

 

Zwischenruf

Im Übrigen ist mir bei aller Schönheit des Winterwetters und der Adventswohligkeit in manchen Augenblicken sehr bewusst, dass es auch an meiner Haltung, meinem Verhalten und meiner Stimme liegt, dass Homophobie, Rassismus, Sexismus und Xenophobie nicht die Oberhand gewinnen.

Adventsbeginn

Unsere Nachbarn haben gestern Abend zum zweiten Mal zum Adventsansingen eingeladen. Wir haben einen Termin mit Freunden verschoben, um dabeisein zu können. Da wir ohne Kinder und ohne Hund hier leben, beide arbeiten und auch sonst oft unterwegs sind, war es uns wichtig, dieses Treffen mit der Nachbarschaft nicht zu versäumen. Freundlicherweise wurde es auch noch sehr nett. Circa 30 Leute im Alter von zweieinhalb Monaten bis Anfang 80 erzählten und lachten. Der Glühwein enthielt neben diversen Gewürzen ein halbes Dutzend echter Orangen und war ausgesprochen köstlich. Gesprächsanfänge vom Adventsansingen im letzten Jahr wurden fortgesetzt, und ich hoffe, ein paar mehr Namen und Gesichter behalten zu haben, die ich auch außerhalb der Straße erinnern kann.

Wichtiger Bestandteil des Abends war tatsächlich das Ansingen des Advents: Die erste Kerze am Adventskranz, der sehr prominent dort hing, wo das Treffen stattfand, wurde bei Gesang entzündet. Wir sagen euch an den lieben Advent, Ihr Kinderlein kommetO Tannenbaum, Morgen kommt der Weihnachtsmann, Es ist für uns eine Zeit angekommen und In der Weihnachtsbäckerei sang die versammelte Gruppe aus Überzeugung, Begeisterung und oder Höflichkeit aus mehr oder weniger vollem Halse. 

Mir hat die Mischung gefallen, noch mehr aber, dass das einfach so ging und passte, weil es den Gastgebern ein Anliegen war. Und weil die Kinder mit Eifer dabei waren und Zugaben forderten. Als kirchlich würden sich womöglich höchstens zehn Prozent der gestrigen Runde bezeichnen. Ein Gefühl für diese geprägte Zeit und das Wohltuende, im Dunkeln Kerzen zu entzünden, hatten eine Menge mehr.