Archiv der Kategorie: Kirche im WDR

Ein Zug fährt durch (Kirche im WDR)

Donnerstagmorgen am Bonner Hauptbahnhof. Warten auf den Zug nach Köln. Gleis 1 quillt über von Leuten. Dann eine Durchsage: „Achtung an Gleis 1, ein Zug fährt durch.“ Und schon kurz danach braust ein langer Güterzug an mir vorbei. Unwillkürlich husche ich einen weiteren Schritt von der Bahnsteigkante weg. Aber der Wind erwischt mich dennoch, denn der Zug rauscht und rauscht. Güterzüge können lang sein. Und dieser Lärm dabei, im Rhythmus, den nur Zuglärm hat: Ich versteh kein Wort mehr von dem Radiopodcast, den ich gerade auf den Ohren habe. Welche blöde Unterbrechung ist dieser Güterzug am frühen Morgen. Aber: eine Unterbrechung mit Ansage.
Ein Zug fährt durch. In einer Krankheit, die sehr lästig und langwierig war, hat mich mal meine Ärztin an die Sache mit der Zugansage erinnert. „Frau Moll, Sie müssen jetzt ganz einfach warten, bis der Zug durchgefahren ist. Diesen Krankheitszustand kann man nicht abkürzen. Aber der Zug fährt durch. Keine Sorge.“ Mit anderen Worten: Das geht vorbei. Es dauert seine Zeit, es ist nicht völlig ungefährlich, es ist auch nervig, weil man ja selber los will. Aber: Man kann es nicht abkürzen. Manchmal helfen dann solche kleinen Ansagen. Die machen das Warten erträglicher.
Klar gibt es im Leben auch Situationen, die man nicht aussitzen sollte. Das muss man hier und da unterscheiden. Aber manche Trauer, manche Krankheit, braucht halt ihre Zeit, bis sie durch ist. Auf Gleis 1 meines Lebens tröstet mich dann hin und wieder eine Ansage die Jesus seinen Freundinnen und Freunden gemacht hat: „Ich bin bei euch. Alle Tage.“ Will heißen: er steht mit dabei und wartet. Bis der Zug durch ist.

KIRCHE IN WDR 2 | 09.03.2017

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Amor (Kirche im WDR)

Manchmal komme ich an einem Haus vorbei, wo in der 1. Etage ein Junge wohnt. Ab und zu sitzt der am Fenster. Das Haus ist echt schäbig, würde ich sagen. Die Wände sind mit Graffitis beschmiert. Einmal sehe ich, wie der Junge mit den Fingern die Leute auf der Straße abknallt. Mir wird ganz anders, als ich das sehe. Und meine Gedanken gehen auf eine Reise, die mit der Realität des Jungen nichts zu tun haben muss. Ich denke an Kindersoldaten und wie blöd es überhaupt ist, dass es Krieg und Gewalt gibt. Ich denke an Kinder, um die sich niemand richtig kümmert und die auf sich allein gestellt sind. Die manchmal kein anderes Ventil für ihre Gefühle finden, als sie an anderen auszulassen. 
Und ich frage mich, ob vielleicht doch zu viele Killerspiele am Computer gespielt werden und die den Charakter verderben. Doch dann hab ich zum Glück genug von allen Weltuntergangsgedanken: Auch ich habe als Kind im Sommer gern mit Wasserpistolen gespielt. Und in Sachen Computerspielen vertraue ich mehr den Experten, die entwarnen. Jedenfalls ist mir ja auch niemand verdächtig, der bei Angry Birds stundenlang mit verschiedenen Vögeln auf grüne Schweine schießt. Muss man schon genauer hinsehen. Nicht gleich alles schlecht malen.

Und dann guck ich nochmal zu dem Haus, in dem der Junge am Fenster sitzt, und muss ganz schön schmunzeln: Eins der vielen Graffitis, die an der Hauswand stehen, ist das Wort AMOR. In großen Buchstaben. Das heißt bekanntlich Liebe, dieses Wort. Und der römische Liebesgott heißt so, dieser kleine süße Engel, der mit Pfeilen auf Leute schießt und die Liebe in ihnen entzündet. Was für ein schönes Bild. Das könnte ja auch der Junge im ersten Stock sein. Mit einem Lächeln gehe ich weiter. Und wünsche ihnen einen schönen Tag.
KIRCHE IN WDR 2 und 4 | 07.02.2017 |

Gut genug (Kirche in WDR 2 und 4)

Als unsere Spülmaschine vor einiger Zeit kaputt gegangen ist, hat sich nicht nur das Geschirr in der Spüle gestapelt. Auch mein Kopf hat sich mit Details gefüllt, die da vorher nicht rumlagen. Stichwort: Warentest. Vergleichsdaten von Spülmaschinenmodellen, Wasserverbrauch und Energieeffizienz.Die Daten sind durch meinen Kopf geschwirrt. Für die teure Anschaffung, die doch bitte mindestens das nächste Jahrzehnt unauffällig den Alltag erleichtern soll – fast wäre ich dafür zur Fachfrau geworden. Mein Mann, der parallel dazu forschte, hat es irgendwann auf den Punkt gebracht: Es muss nicht die beste aller möglichen Spülmaschinen werden: Gut ist gut genug.
Also haben wir uns auf einen Preisrahmen verständigt, niedrige Verbrauchswerte waren uns wichtig und eine Besteckschublade. Alles andere hat uns dann der Fachmann im Elektroladen des Vertrauens empfohlen. Und gut war gut genug.
Die Spülmaschine läuft mittlerweile. Problem beseitigt. Was bleibt, ist dieser Satz von meinem Mann: Gut ist gut genug. Ich fand, der passt prima zum Leben. Es muss nicht alles perfekt sein. Die Urlaubsunterkunft, mein Körper, die Kollegen, das Wetter. Nicht erst das Beste ist grad gut genug, sondern das, was gut ist, reicht oft schon.
Ganz im Sinne der Geschichte von der Erschaffung der Welt, wie sie am Anfang der Bibel erzählt wird: Gott sah, dass es gut war. Heißt es da. Wie klug. Von Perfektion ist da nicht die Rede.
Audio des Beitrags

Was wir tun können (Kirche in WDR2)

Sie schaukeln nebeneinander und reden: Ein Junge aus Syrien und einer aus England. Ein Übersetzer unterstützt sie im Gespräch. Wer ist dein Lieblings-Fußballspieler? Was hörst du für Musik? Dass die beiden aus zwei Welten stammen, sieht man auf Anhieb nicht. Der eine ist unter Lebensgefahr in einem Boot auf die Insel Lesbos gekommen und ist auf der Flucht. Der andere ist mit seinen Eltern im Urlaub. Aus der Zeit, als die Balkanroute für Flüchtlinge noch offen war, gibt es ein eindrucksvolles Video über lauter solche Begegnungen. Ein Filmteam hat auf der Insel Lesbos jeweils zwei Menschen, die ein gemeinsames Thema haben könnten, miteinander ins Gespräch gebracht. Und es ist berührend zu sehen, wie Begegnung passiert.
Ich glaub, auch deswegen werde ich regelmäßig wütend, wenn ich mitbekomme, wie Vorurteile über fremde Menschen oder eine ganze Religion verbreitet werden. Wissen denn wirklich so wenige etwas über andere Kulturen und den Islam? Und vor allem: Kennen die wirklich niemanden aus einem anderen Kontext als dem eigenen? Auch ohne von einem Filmteam zusammengebracht zu werden, ist es doch möglich, ganz konkret Menschen zu begegnen, die nicht aus dem eigenen Dunstkreis sind. Und nach meiner Erfahrung ändert sich dann schon unglaublich viel. 
Alle Verständigung, aller Dialog fängt mit ganz einfachen Dingen an. Freundlich und offen sein. Im Alltag, im Stadtviertel, bei der Arbeit. Im Urlaub ist es oft besonders einfach möglich, eine andere Kultur kennenzulernen. Guten Tag sagen. Fragen, wie es geht. Übers Leben plaudern, nicht über irgendwelche Theorien. Nicht jeder ist jedem sympathisch, klar. Aber das ist unabhängig von Herkunft, Pass und Glaubensbekenntnis. Wie in einer guten Nachbarschaft.

Jedenfalls sollten wir uns nie mit Holzschnitten über die andere Religion oder Kultur zufrieden geben. Es kursieren so viele falsche Infos über die Religionen der anderen wie über die eigene. Extremisten und Fanatiker gibt es leider überall. Aber sie haben niemals und nirgendwo den Geist der eigenen Religion verstanden. 
Es ist eher so wie im Film über die Begegnung von Touristen und Flüchtlingen auf der Insel Lesbos vom letztem Jahr: Mit einem Menschen, den ich persönlich kennenlerne, der eine andere Muttersprache spricht und aus einer anderen Kultur kommt als ich, fängt Verständigung, Friede und das Wohlergehen für alle an. Im eigenen Umfeld, in der Gesellschaft. Und überhaupt.
Die beiden Jungs auf der Schaukel nannten übrigens als Lieblingsfußballer zwei, die jeweils noch eine andere Nation als die eigene hatten: Schweinsteiger und Ronaldo. Wie langweilig wäre es, an den eigenen Ländergrenzen mit dem Denken und Wertschätzen aufzuhören. 
Link zum erwähnten Film: The Island of all Together
Audio des WDR-Beitrags vom 4.10.16

Notizen vom 20.9.16

Natürlich kann man meine Radiobeiträge auch im Internet abrufen, aber der Reisgefährte besteht seit Anfang an darauf, dass wir die Radioausstrahlung morgens um 05:55 Uhr hören. Längst weiß ich, dass das eine gute Idee ist: Die Lieder davor oder manchmal auch die Abmoderation direkt danach haben schon für die ein und andere nette Überraschung gesorgt. Und da der Reisegefährte außerdem nichts über den Inhalt des jeweiligen Beitrags weiß, hab ich sogar eine Originalreaktion eines Hörers als erste Feedback, wenn auch familiär nicht unbefangen. Heute gab es ein Lob von der anderen Bettseite, dafür schüttelten wir beide die Köpfe über das Lied, das direkt vor dem Beitrag über Depression und ihre miese Schwester Scham lief: Alles aus Liebe von den Toten Hosen mit der Refrainzeile „dann bring ich mich für dich um“. Okay. Ziemlich daneben.


Im Büro fand ich am Vormittag dann zwei Jacken, die ich vorletzte Woche aus irgendwelchen Gründen morgens anhatte, aber nachmittags zu warm fand und vergaß. Die kommen jetzt wieder mit, halfen heute übertag jedoch nicht gegen kalte Füße. Nein, ich jammer nicht: Ich liebe kühleres Wetter, mag Sockentemperaturen aber überhaupt nicht. Damit muss ich leben.


Zum ersten Mal seit Juli konnte ich wieder beim Bonner Mittagsgebet dabei sein, dieser Viertelstunde im Bonner Münster mit einem Lied, einem Bibelwort, etwas Stille und einem Segen. Ich war heute am Empfang tätig, der Mitbetende begrüßt und ihnen ein Liedheft gibt. Der Stammteilnehmerin mit der schönen Hundetasche, die sie lange nicht mehr mit hatte, konnte ich ein Lächeln entlocken, indem ich ihr die Recherche abnahm, auf welche Seite des Chorgestühls sie sich heute setzen will. Zu wissen, was Stammgäste wollen, hach, das ist doch überall schön.


Die Arbeit am Nachmittag wurde mehrfach durch den iMessage-Dialog mit einem meiner Brüder unterbrochen. Er überführt Donnerstag einen Trecker aus dem Siegerland nach Aachen. Und aus ersten Fragen am vergangenen Wochenende, wo er am besten mit 25 km/h den Rhein überqueren könnte, wurde heute Nachmittag eine größere Beteiligung meinerseits an dieser Aktion, samt einer Übernachtung von Bruder und Trecker bei uns. Jetzt muss ich nur noch das logistische Problem lösen, wie ich nach der Nacht mit Bruder und Trecker übern Rhein fahren kann, trotzdem aber am späteren Vormittag mein Auto zur Verfügung habe. Jedenfalls ist das ganze eine verrückte, schön Aktion und schon heute definitiv ein Alltagsupgrade.


Dieser Dienstag ist ein Tag für die eherne Regel, dass Bürotage ohne Termine, an denen man schon früh am Schreibtisch saß, auch früh zu Ende sein könnten. Stattdessen werden sie zumindest bei mir oft lange Tage, weil ich endlich nochmal so richtig in Dingen versinken kann, ohne unterbrochen zu werden, wenn es womöglich grad nicht passt.


Der Nachteil: Die Zeit Zuhause mit dem Liebsten und den dort noch vorgenommenen Dingen schmilzt dahin. Wir essen spät zu Abend und da ich so im Flow bin, setz ich mich danach sogar nochmal dran. Schließlich geht morgen etwas Arbeitszeit für eine gewisse Treckeraktion drauf.


Zum Abschalten schalten wir im Zimmer des Reisegefährten am späten Abend noch auf emergency room um. Ja, wir gucken grad so altes Zeugs. Nicht zuletzt, um Julianna Margulies aus der tollen Serie „The Good Wife“ in ihrer ersten großen Serienrolle zu sehen.

Depression und die miese Schwester Scham (Kirche in WDR 2)

Neulich fiel eine Bekannte längere Zeit auf der Arbeit aus. Dem Kollegenkreis hatte sie den Grund nicht genannt, aber wir im Freundeskreis wussten Bescheid. Sie schämte sich: Die Bekannte leidet unter Depressionen und hatte nach mehreren Jahre Ruhe einen Rückfall.

Wenn die Depression Dich ein zweites Mal erwischt, ist das in gewisser Weise schlimmer als beim ersten Mal. Denn wenn Du durch die erste Episode durch bist, und mag sie noch so schlimm gewesen sein, bist du durch. Du hast viel über diese elendige Krankheit und mindestens so viel über dich gelernt. Und was zweitrangig wird, damit Du aus dem Teufelskreis wieder rauskommt. Du hast deine Grenzen mindestens gesehen, oft auch leidvoll gespürt. Und hast Dir eingestanden, das Lebensglück zwar nur sehr begrenzt in der Hand zu haben, aber, dass Du mehr selber tun kannst, als gedacht. Und Du hast gelernt, mit Schwäche zu leben, zumal das keine persönliche Schwäche ist, sondern eine Krankheit wie andere auch.Du hast danach gewusst, dass es das nicht für immer gewesen sein muss. Aber mit der Hoffnung und einiger neuer Kraft warst Du unterwegs und glücklich, dass der Boden wieder trug. Wenn sie Dich dann noch mal erwischt, die Depression, womöglich erst nach vielen Jahren, womöglich anders als damals, zerbricht noch etwas mehr von der Welt als beim ersten Mal. Du hattest doch kapiert, wie es funktioniert und soviel darüber gelernt und so viele Sicherheitssysteme installiert. Wenn schon nicht damals, muss es aber jetzt persönliche Schwäche sein. Und überhaupt: Woher die Zuversicht nehmen, dass es sich lohnt, sich so weit wieder rauszukämpfen, wenn es doch ein großer Kreislauf sein könnte, dem man nicht entrinnen kann?
Ach, Depression ist so ein elendiges Teufelszeug. Und das sagt eine, die ansonsten nicht an das personifizierte Böse glaubt. Depression verlangt einem selbst und seinem Umfeld so viel ab. Sie ist für die Leute drum rum so schwer zu erkennen und so schwer zu verstehen. Was ist der Unterschied zu einer Person, die kann, aber nicht will? Eben genau, dass die Person normal am Leben teilnehmen will, es aber definitv nicht kann. Das ist für die Person selber und für Fachleute eindeutig. Aber für fast niemanden sonst. Und doch geht es immer noch nicht um persönliches Unvermögen: Es braucht Geduld und Hilfe, wieder auf die Füße zu kommen.

Was kann ich als Freundin für die Bekannte tun? Was soll ich ihr raten? Bestimmt nicht „Kopf hoch, wird schon wieder!“ Vielleicht kann ich ne Meile mitgehen, oder zwei. Soweit auch ich tragen kann. Einfach da sein. Aushalten. Nicht in Watte packen, aber vor allem versuchen, die Scham von ihr fernzuhalten.

Diese miese kleine Schwester der Depression, die sich am liebsten immer mit einschleicht.
Aber diese Gewissheit kann ich versuchen mitzugeben: Auch beim zweiten, dritten Mal gibt es nichts, wofür sich jemand schämen muss bei Depression. Es ist eine Krankheit, die mit Hilfe und Zeit bewältigt werden kann.
Also, damit das mal klar ist: die miese kleine Schwester Scham, die soll sich vom Acker machen.
Audio: KIRCHE IN WDR 2 | 20.09.2016 | 05:55 UHR

Alltagsupgrade (Kirche in WDR 2)

Neulich war noch mal so ein Tag, an dem einiges schief ging: Ich war zu spät dran, die Müslibox fiel geöffnet auf den Boden, der erste Termin war beim Zahnarzt und war schmerzhaft. An diesen Tagen frage ich mich: Herr, Gott – warum hast Du uns nicht mit einer Resettaste geschaffen wie wir Menschen den Computer? Auf einen Knopf drücken, einen Moment warten, das System wird neu hochgefahren und man kann noch mal von vorne beginnen: Früher Aufstehn, Brot essen und dem Arzt sagen: „Doch, ich will eine lokale Betäubung für die Behandlung.“ 

Aber Resettasten gibt es nicht – nicht in dieser Form. Die muss man sich ein wenig suchen im Leben. Und just an diesem Morgen hatte ich eine Wunderbare gefunden: Vom Zahnarzt bei Bad Honnef konnte ich mit dem Auto die übliche Strecke nehmen, oder eine Rheinfähre nutzen und auf der andern Flussseite ins Büro nach Bonn fahren.
Das war die Idee, fand ich. Und wusste nicht, warum ich da noch nie drauf gekommen war. Für diesen verkorksten Morgen war das genial und die 2,50 € für die Fähre bestens investiert. Obwohl der Tag diesig war, hab ich die kurze Überfahrt genossen, konnte das Steuer selber einige Minuten loslassen, mich zurücklehnen und die Gegend genießen. Der Rolandsbogen am Rolandseck, der Drachenfels im Siebengebirge: Auch ohne Sonne eine tolle Aussicht. Und auf dem Fluss mal eben daran denken, wo das Wasser schon herkommt und wo es noch hinfliesst und wie praktisch ein starker Motor ist, der sich gegen die Strömung stemmt und Flussufer miteinander verbindet. Alles Pech vom Morgen floss auf und davon und die Welt sah deutlich freundlicher aus.
Die Autofähre zu nehmen, das war mein Reset für den verkorksten Tag. Wie ein unverhofftes Upgrade im Flieger von der Holzklasse zur Businessclass. Ein Alltagupgrade. Oder nennen wir es mal: gelebte Alltagsspiritualität. Will meinen: Gerade in den Holzklasse-Momenten des Lebens Ausschau halten nach den kleinen Business-Class-Momenten. Ein Alltagsupgrade, weil ich weiß, dass das es mehr gibt als zwischen Unzulänglichkeiten eingeklemmt zu sein. Licht und Luft und wenigstens kurz eine andere Perspektive.
Dass Sie heute so ein Alltagsupgrade finden, liebe WDR2-Hörerinnen und Hörer, das wünsch ich Ihnen.

Audio des Beitrags

Brombeermarmelade (Kirche in WDR 2)

Eigentlich sollte ich jetzt einfach Brombeermarmelade einkochen. Das steht grad an. Die Hecke mit den schwarzen Beeren biegt sich schon. Und ich liebe Brombeermarmelade. 
Aber so vieles steht grad auch an. Die Welt taumelt von Eilmeldung zu Eilmeldung. Blutvergießen an allen Ecken. Und was noch genau vor einem Jahr Deutschland bewegte, die Flüchtlingsfrage, selbst das kocht gerade nicht mehr hoch. Dabei sterben wieder massig Flüchtlinge im Mittelmeer, seit die Balkanroute zu ist. Und dann gärt da die Sache mit dem Fremdenhass. All das macht mich unruhig, wütend, traurig. Was ich in den letzten Jahren lange nicht mehr kannte, beschleicht mich: eine Angst, wie die Welt für meine Nichten, Neffen und Patenkinder aussehen könnte.

Also doch besser: Brombeermarmelade statt Balkanroute? Das Schöne im Leben einkochen in der Hoffnung auf bessere Tage? Ich finde es wahnsinnig schwierig, mit all dem zu leben, ohne mich zu verkriechen. Aber: Ich setz mich auch nicht hin, heule, und red und denk an nichts anderes mehr als die durchaus besorgniserregenden Krisen in diesen Tagen. Der Kopf im Sand wäre eine Kapitulation. Umso mehr will ich – auch aus Protest gegen diese Krisen – mein Leben nicht ausschließlich von diesen bestimmen lassen. Andere mögen mehr Kraft haben für aktiven Protest, für den Aufschrei. Die hab ich grad nicht. Ich muss mir eingestehen, dass ich mit meiner Kraft haushalten muss. Wenn ich es schaffe, bei alledem in meinem Urteilen und Handeln ein anständiger Mensch zu bleiben, dann ist das schon viel in diesen Zeiten. Dazu gehört für mich, den Mund aufzumachen, wenn fremdenfeindliche Reden geschwungen werden. Und die Augen aufzuhalten, wo ich im Alltag gefragt bin, Stellung zu beziehen. Denn was ich verändern kann, das ist und bleibt mein Umfeld. 

Und zu meinem Umfeld gehören eben auch die Brombeeren im Garten. Warum also nicht aus denen Marmelade machen – nicht nur für mich, sondern auch für Freunde und die Familie. Und zu Beeren und Zucker meine Hoffnung mit haltbar machen, dass es eine gute Zukunft für mehr als mich und meine kleine Welt geben kann. 

Audio des Beitrags vom 25.8.

Vogelfutter (Kirche im WDR)

Ich hab sie als Kind mit dicken Buntstiften gemalt und liebe sie, solange ich denken kann: Sonnenblumen. Bei Sonnenblumen geht mir das Herz auf, wie bei wenigen anderen Blumen. Sie haben eine tolle Farbe, selbst wenn die Sonne nicht scheint. Und schon eine einzige davon in einer Vase erfreut mich tagelang. An Schönsten sind sie allerdings im Freien, besonders im eigenen Garten. Wobei: Sonnenblumen im eigenen Garten haben ja einen großen Nachteil: Man muss sie aussähen, am besten vorziehen, auspflanzen und regelmäßig gießen, bis sie zu der robusten, großen Blume werden, die ich so liebe. Ich gestehe: das ist alles nichts für mich. Ich habe erstens keinen grünen Daumen. Und zweitens: Wie schön es wäre, Sonnenblumen im eigenen Garten zu haben fällt mir jedes Mal erst wieder ein, wenn sie im Nachbargarten schon gut einen Meter hoch sind. Und dann ist es zu spät, Sonnenblumenkerne in die Erde zur drücken. Aber hier kommen mir seit geraumer Zeit die „Vögel des Himmels“ zur Hilfe. Denn: Seit einiger Zeit füttern mein Mann und ich ganzjährig die Vögel in unserem Garten. Die natürlichen Futterquellen werden leider immer weniger, also kann man auch zu allen Jahreszeiten Vögel mit zusätzlichem Futter unterstützen. Und zu meinem Glück sind in den Futtermischungen immer auch Sonnenblumenkerne dabei. Und ein paar davon, schaffen es tatsächlich, zu großen Blumen heranzuwachsen, ganz ohne vorziehen, auspflanzen, und alle anderen Gärtner-Sorgen. Da ist auf die Vögel und das Vogelfutter Verlass. Und nach der Blüte gehen die Vögel ran und picken die Sonnenblumenkerne aus ihr heraus. Und so wachsen immer Sonnenblumen in unserem Garten. Und wenn ich dann, wie jetzt, eine dieser Sonnenblumen blühen sehe, dann freue ich mich diebisch und denke an den Satz, den Jesus damals in der Bergpredigt gesagt hat: „Sorgt euch nicht um euer Leben. Seht die Vögel des Himmels, sie sähen nicht, sie ernten nicht. Und der Herr sorgt für sie.“ 

Das sind ja bis heute schöne Worte. Leider ist das meist mit der Umsetzung nicht ganz so leicht. Selbst die Vögel des Himmels haben nicht mehr ganz selbstverständlich alles, was sie brauchen. Aber indem mein Mann und ich etwas mitsorgen für sie, helfen die Vögel uns ganz beiläufig, mein Herz mit meinen Lieblingsblumen zu erfreuen. 

Vielleicht ist es doch gar nicht so dumm, ein wenig Vorsorge zu betreiben, um sich um die großen Sorgen keinen Kopf machen zu müssen.

(Audio dieses Beitrags für Kirche in WDR 2 vom 9.8.2016)

Gerne arbeiten (Kirche in WDR2)

Sie machen ganz oft meinen Tag: Menschen, denen ich schon auf Entfernung anmerke, dass sie ihre Arbeit gerne tun. Die Kassiererin im Drogeriemarkt, zum Beispiel, die freudig ausruft: „Gucken Sie mal! Die Summe ihrer Waren ist genau 22 Euro 22. Eine Schnapszahl! Ist doch toll, oder?“ Oder die Postzustellerin, die die Menschen in ihrem Bezirk längst mit Namen UND Gesicht kennt und schon mal 200m von der Wohnung entfernt quer über die Straße grüßt und ruft: „Ich hab hier was, was nicht in ihren Briefkasten passen wird, kommen Sie mal her.“ 
Eine Frau, die lange als Verkäuferin gearbeitet hatte, hat mir mal erzählt, wie ihr Chef sich über ihre gute Laune im Laden gewundert hatte, obwohl sie doch privat so viel grad durchmachen musste. „Zuhause ist zuhause und bleibt zuhause“ hat sie ihm geantwortet. Und: „Wenigstens hier kann ich das alles mal vergessen. Und die Kunden geht das sowieso nichts an.“
Von Martin Luther King fand ich einen kurzen Text dazu, der Mut macht, das, was man tut oder tun muss, gut und gerne zu machen. Da schreibt er:„Welcher Arbeit Sie auch in Ihrem Leben nachgehen – machen Sie sie gut. Wenn Ihre Aufgabe darin besteht, die Straße zu fegen, dann fegen Sie wie Michelangelo malte, wie Shakespeare Gedichte schrieb und wie Beethoven komponierte. Fegen Sie die Straße so, dass alle die himmlischen und auch die irdischen Heerscharen innehalten und sagen: „Er lebte als ein großer Straßenfeger und er hat seine Arbeit gut gemacht“.“ (Dr. Martin Luther King Jr.)

Danke an alle, die Sie Tag für Tag vielleicht mit dieser Grundeinstellung, auf jeden Fall aber häufig mit guter Laune und gerne arbeiten.

KIRCHE IN WDR 2 | 19.04.2016 | 05:55 UHR  Audioversion