Archiv der Kategorie: Kirche

Tis is the Season, Lentversion

Dieses Fastenzeit-Dings überfällt mich dieses Jahr mit sehr gemischten Gefühlen und Gedanken. Hier schreib ich ein paar davon auf.

Ich sehe um mich rum die üblichen kleinen Brüder der Neujahrsvorsätze und hab selber auch einen winzigen, über den ich aber nicht reden will. Perfekt, das hier so prominent zu erwähnen. Doch jetzt lass ich es auchstehen.

Ich sehe heute am Aschermittwoch lustige Sachen, wie ein WhatsAppFasten, das gar keines ist. Mein Reflex „Ist ja klar, dass ein kirchliches Angebot was gegen das Online sein hat“ löst sich auf, denn es geht bei der Aktion um tägliche Nachrichten in der Fastenzeit. Dafür schlägt der sehr geschätzte Social Media Watchblog ein Social Media Fasten vor und bringt mich damit mehr zum Nachdenken, als wäre es ein kirchlicher Vorschlag. Und die Kombination lässt mich weiter nachdenken. Und schmunzeln.

In meiner kirchlichen Hood nehm ich Originelles wahr, wie einen Garten im Bonner Münster, der mich an als erstes an die Birkendeko des Burgergrills Hans im Glück erinnert. „Mensch, gedenke, dass du grünst.“ ist das Motto, das ich dazu rausfinde, bislang leider noch nicht mehr.
Und mir gefällt besonders die ökumenische Kooperation von Mara Feßmann und Hanna Buiting, die in ihren Blogs statt vom Fasten vom Mehr erzählen wollen. Mit mehr Licht geht es heute los.

Ich selber stelle fest, dass ich mich an alten Themen abarbeite zu Beginn dieser Fastenzeit. Mir fallen Bußlieder meiner Kirche ein, die ich zum Glück erst mit Ende Zwanzig kennenlernte, als sie mich nicht mehr vom Grundakkord meines Glaubens abbringen konnten. Ich merke aber, dass da so ein großes Schattenwesen mal mehr mal weniger unterwegs ist, und mit Normen rumspukt, die zwischen Gott und mir sonst keine Rolle spielen. Wahrscheinlich bin ich noch erschöpft von gut drei Stunden Podcast über feministische versus katholische Ansichten zum Thema Sex, die ich häppchenweise in den letzten Tagen gehört habe und die sich mit „Untenrum frei“ von Margarethe Stokowski und “Die Theologie des Leibes. Einführung in die sexuelle Revolution von Papst Johannes Paul II.” von Christopher West beschäftigen. Ein paar Spitzen aus der offiziellen Sexualmoral meiner Kirche in der Prägung des vierten Papstes meines Lebens gehen mir nach. Da wurde im Podcast doch wirklich künstliche Empfängnisverhütung mit der Vergiftung der eigenen Großmutter verglichen*, anscheinend eine Analogie aus dem West-Buch. Und es gibt Harmloseres, das mich ebenfalls erschrickt. Das hat mit meinem Glauben, meiner Ethik, die ich beide für christlich halte, nichts zutun, große Teile des Frauen- und Männer- und Ehebildes stelle ich begründet in Frage. Und ich musste schnell ein zwei andere katholische Stimmen lesen, um mich etwas zu beruhigen, und um die Dann-Tritt-doch-aus-Stimmen aus dem Kopf zu bekommen.

Zu meinem diesjährige Aschermittwoch gehört weiterhin ein Erlebnis in der Stadt, das mich an ein anderes vor Jahren erinnert:

Dieses kurze peinliche Berührtsein, einen Mensch mit schmutziger Stirn in der Öffentlichkeit zu sehen. Sich dann erinnern: Aschermittwoch.

An einen Aschermittwoch in Medellin denken. Da fiel vor 17 Jahren im Stadtbild auf, wer kein Aschenkreuz hatte. Auch ein Statement.

Und als all das endlich erlebt, erinnert und gedacht ist, streife ich es ab und lande, mit dem Auto auf dem Weg über die Chaussee durch den Wald auf den Hügel, bei einer Essenz meiner Variante von Menschsein. Wenn es an Aschermittwoch beim Auftragen des Aschenkreuzes heißt: Kehr um und glaub an das Evangelium, dann heißt das für mich ab heute besonders:

Denk an das, was dich als Menschenfreundin, Theologin, Christin und Feministin zutiefst berührt und froh macht. Ärger dich weniger über den Teil starrer Struktur und Inhalte, die den Geist, der dich bewegt, tötet. Guck woanders hin. Feier das Leben in Fülle, wo du es ahnst oder siehst oder mithervorbringst. Summ in deiner Tonart weiter, eins deiner Lieblingslieder: Gott, du Freundin des Lebens, in allem ist dein unvergänglicher Geist.

Die Fülle des Lebens, die dieser Jesus von Nazareth verkündet hat, ist sehr konkret, froh, bunt, individuell, gemeinschaftlich, humorvoll, gerecht, lebendig und lustvoll. Für die stehe, streite und lächle ich. In meiner Welt und meiner Kirche. Für vieles andere bin ich einfach nicht zu haben.

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* In Teil 1 des Podcasts, ab ca. Minute 31:45

Tag der Menschenrechte

Mit fehlen dieser Tage die Worte zu einem Thema, über das ich aber auch nicht schweigen will. Die überarbeiteten Richtlinien für die katholische Priesterausbildung sagen zum Thema (Priesteramt und) Homosexualität nichts Neues, sondern wiederholen Bestehendes. Und das erscheint mir in vielerlei Hinsicht unfassbar: diskriminierend, selbstverleugnend, doppelzüngig und sowieso nach Stand von Medizin, Psychologie, Bibelwissenschaft und gesundem Menschenverstand komplett unhaltbar. Es schmerzt mich sehr und macht mich sehr wütend.
Wer zum Glück mehr Worte zum Thema fand: Peter Otten im Theosalon. Danke.

Und ich möchte noch einen weiteren Artikel dazu empfehlen. Er ist von Jesuit Thomas Reese und beginnt mit einem Ausruf, dem ich mich anschließe: „The idea that gays cannot be good priests is stupid, demeaning, unjust, and contrary to the facts. I know many very good priests who are gay, and I suspect even more good priests I know are gay.“

 

Mit 86 Jahren

Der alte Oecher ist heute 86 geworden. Seiner Frau und den Kindern fällt aus dem engsten Familienkreis nur der Vater des alten Oechers ein, der noch älter wurde. Staunenswert, die Sache mit dem Alter. Staunenswert auch, der im folgenden festgehaltene Dialog zwischen Vater und Tochter zum Thema Frauenordination in der katholischen Kirche. Die Oecherin hätte vermutet, dass dieses Thema zu denen gehört, die ihren Vater nicht mehr erreichen. Er fällt schließlich immer öfter aus der Zeit und weiß nicht mehr, was er vor fünf Minuten für Essen bestellt hat oder ob er grad Zuhause oder woanders ist. Im nächsten Augenblick ist er zwar wieder völlig präsent, spielt mit Sprache oder ist traumsicher in alten Rollen unterwegs. Aber zu Zeitthemen äußert er sich kaum noch und in Moralfragen kehrt er eher zu Ansichten von vor Jahrzehnten zurück.
Und dann das, einfach so:

Vater: „Wann wird es eigentlich Bischöfinnen geben?“

Tochter: „Gibt es schon, Vater, in verschiedenen protestantischen Kirchen.“

V: „Nein, ich meine bei uns!“

T: „Hm, in ein paar hundert Jahren erst, wenn überhaupt. Papst Franziskus hat gestern nochmal bekräftigt, dass eine Priesterweihe für Frauen in der katholischen Kirche nicht möglich ist.“

V: „Fängt der jetzt etwa an, kindisch zu werden?“

T: „Na, genaugenommen ist diese Absage an das Frauenpriestertum ja keine Neuigkeit.“

V: „Ja, aber da läuft doch was verkehrt.“
und nach kurzer Pause: „Man müsste sich sicher erst dran gewöhnen. Aber das hat ja nun nix mit männlich und weiblich zu tun, sondern nur was mit dem Verstand.“

T sagt nichts mehr, staunt nur und versucht, kein Wort zu vergessen.

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Eine andere fundierte Einschätzung zum Thema Katholische-Frauenordination-gibt-es-nicht und zur Aussage der Kirche „Das war schon immer so, das muss so bleiben“: Franz ist nicht Bob im geschätzten Theosalon.

 

Abendgebet

Lass mich nie vergessen, dass Jesus mit seinen Freund*innen auch heute nicht solche Räume bräuchte, eher sogar melden würde, sondern auf normalen Straßen und zwischen Alltagszeilen gehen, reden, feiern und essen würde. Amen.

Neuer Chefchefchef. Notizen vom 23.9.16

In meinem Bistum wurde heute der neue Bischof bekanntgegeben. Das ist schon eine aufregende Geschichte, wenn man noch locker zwanzig Jahre Berufstätigkeit vor sich hat. Und der neue Bischof erst 56 Jahre alt ist. Wenn er bis zum bischöflichen Diensthöchstalter von 75 Jahren im Amt bleiben sollte, erleb ich keinen anderen Chefchefchef mehr. Nun lässt sich heute soviel sagen: Eine komplette Kurskorrektur ist nicht zu befürchten, und alles andere muss man sehen.

Auch in der Wirtschaft können sich mit neuem Vorstand, erst recht mit veränderten Unternehmenszielen oder wirtschaftlichen Vorgaben Aufgabenfelder und Betriebsklima total ändern. Insofern sollten wir in der Kirche nicht zuviel jammern, unsere Vorgesetzten nicht demokratisch wählen zu können. Es kommt mir halt zuweilen zu Bewusstsein, wie zufällig in der Glaubensgemeinschaft der ewigen Wahrheiten neue Führungspersonen ernannt werden, die dann mit sehr weitgehenden Entscheidungskompetenzen ausgestattet sind:

Das ganz läuft nämlich in etwa wie folgt ab, natürlich unter Festlegung auf geweihte Männer in Sachen aktivem und passivem Wahlrecht:

– Ein hohes Gremium geweihter Männer erarbeitet eine Vorschlagsliste mit Kandidaten für ihren und des Bistums nächsten Oberchef.
– Das Gremium schickt diese Vorschlagsliste via des deutschen Botschafters des weltweiten Oberchefs zu eben diesem. Auf dem Weg dorthin können zukünftige Kollegen des gesuchten Kandidaten die Liste um eigene Vorschläge ergänzen.
– Im Büro des weltweiten Oberchefs wird die Liste bearbeitet und gegebenenfalls auch noch mal ergänzt. Über die Kandidaten werden Erkundungen eingezogen und Gutachten erstellt.
– Anschließend wird aus dieser erweiterten Liste eine Vorauswahl von drei Kandidaten getroffen. Diese Dreierliste, auf der niemand mehr von der Ursprungsliste aus dem Wahlbistum stehen muss, wird zum Wahlgremium über den Botschafter zurückgesandt.
– Innerhalb einer bestimmten Frist muss das Wahlgremium nun aus dieser Dreierliste einen Kandidaten wählen. Gegebenfalls kennen die Mitglieder der Wahlkommission die Kandidaten nur kaum oder gar nicht. Wieviel Zeit zur Recherche bleibt, weiß ich nicht. Für Gespräche jedenfalls nicht. Die Wahl ist sowas von geheim.
– Wenn die entsprechende Mehrheit dann für einen der drei gefunden ist, wird dieser gefragt, ob er die Wahl annimmt. Eventuell wusste er gar nicht, dass er auf der Liste stand und muss sich erstmal setzen. Er kann sich jedenfalls ein paar Tage Bedenkzeit ausbitten. Wieviel Informationen er über das Bistum, das er bald leiten soll, in dieser Zeit bekommen kann: Das dürften auch weniger sein als ein neuer Vorstandsvorsitzender für seine neue Firma erhält.
– Wenn der Kandidat zusagt – ich glaube, das ist der häufigere Fall -, muss je nach kirchlich-staatlicher Vereinbarung noch die Regierung des Bundeslandes der Wahl zustimmen.
– Danach ernennt der Papst den gewählten Kandidaten. Und es gibt im Wahlbistum, im Heimatbistum und in Rom zeitgleich eine Veröffentlichung der Ernennung, gerne in Kombination mit einem Gebet, ziemlich sicher mit großem Glockengeläut.
– Erst danach kann das Bistum den neuen Chef und der neue Bischof seinen neuen Arbeitsbereich besser kennenlernen. Und es werden die Modalitäten für die Einfühurng festgelegt.

Keiner wird irgendwo Bischof, indem er sich für ein Bistum bewirbt, das ihm in Struktur, Größe, Inhaltsschwerpunkten und Mentalität zusagt. Kein Bistum kann sagen: Wir brauchten als nächstes dringend einen Bischof, der besonders für dieses oder jenes Thema steht, diese begonnen Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt und ein besonders gutes Händchen in Sachen Personalführung hat. Es wird einfach davon ausgegangen, dass das schon passt und der Heilige Geist sein übriges tut.

Um so dankbarer ist man, wenn es mit Bekanntgabe der Wahl keine böse Überraschung gibt und man mutmaßen muss, dass die beiden anderen Kandidaten der Dreieliste noch weniger wählbar waren.
Nein, es scheint, mein Bistum hat noch einmal Glück gehabt.

Ökumenische Kunstkapelle, Turku 

Im Reiseführer (2014) stand die Kapelle von 2005 leider nicht drin, im Wikipediaartikel über Turku war sie zum Glück erwähnt, die Ökumenische Kunstkapelle am Rande von Turku. Und auch wenn wir nur einen halben Tag für die ehemalige Hauptstadt Finnlands hatten, war uns nach dem beeindruckenden Besuch der Kamppi Chapel in Helsinki klar, dass wir dieses Bauwerk nicht verpassen wollten. Gut so. Von außen fand ich sie nicht annähernd so sprechend wie ihre jüngere Kollegin in der jetzigen Hauptstadt. Aber das Innere hat mich auch sehr geflasht: Ein Raum aus Holz mit nur indirektem Lichteinfall am einen Ende. Schlicht. 13 Meter hoch! Und: trotz der klaren Giebelform nicht eckig oder hart. Absolut weiblich, find ich. Dass das Projekt das Fischsymbol des Urchristentums darstellen soll: Mir erschließt sich das nicht so sehr, aber warum muss alles eindeutig sein.

Hier ein paar Bilder der Kapelle. Hier der Hinweis auf die (finnische) Website. Der architektonische Entwurf ist von Matti und Pirjo Sanaksenaho.



Rezept Nr. 53, mich in meiner Kirche wohl zu fühlen. (178/366)

Man nehme eine wunderschöne Kirche, wie z.B. die romanische Doppelkirche von Schwarzrheindorf im rechtsrheinischen Bonn-Beuel und feiere dort mit 50 jungen Leuten einen festlichen Adventsgottesdienst bei Kerzenschein. Die Lesung wird von einer Studentin in Chucks ohne pastoralen Tonfall vorgelesen, was nicht der Normalfall ist. Also, die Abwesenheit von so einem Kirchentonfall. Zwei passionierte junge Messdienerinnen, die weder mit noch ohne Gewand zur weltfremden Sorte gehören, schwingen couragiert das Weihrauchfass und ließen sich diesen sichtbarsten Messdienjob nicht von ihren drei Mitministranten streitig machen. Die Musik ist klassisch adventlich katholisch, was in den romanischen Raum für mich heute passt. Da sie auf eine Art schlicht daher kommt, passt es um so besser. Die Studentin, die als Kantorin mitwirkt, singt teilweise sogar auf Latein. Aber in diesem Rahmen hat das nichts Ausschließendes, sondern passt zu Anlass, Ort und Feiergemeinschaft. Der Priester, der dem Gottesdienst vorsteht, spielt sich nicht selbst in den Vordergrund, kann in der Liturgie trotzdem ich sagen und lächeln, angenehm singen und normal sprechen. Er hält sich an Absprachen und holt die Kollegin zum Kommunionausteilen dazu, obwohl es von der Menge der Leute her nicht nötig wäre. Das mag banal klingen, ist aber offiziell nicht vorgesehen. So teilen aber ein Mann und eine Frau Kommunion aus: Das ist schöner, als wenn es bloß zwei (Priester-)Männer tun. Nach dem Gottesdienst packen viele mit an, so dass Kerzen und Liederbücher schnell aufgeräumt sind und alle kurze Zeit später auf der anderen Rheinseite bei Buffet, Bier & (Fritz)Brause noch einen angenehmen zweiten Teil des Abends miteinander verbringen.

So einfach kann es – für mich – sein.
Leider kommt es sehr selten vor, dass in der Liturgie so viel für mich stimmig ist. 

  

   

  
  
  
 

Ein anderes Lied für meine Kirche (152/366)

Zum Regelbesuch der deutschen Bischöfe in Rom ist alles gesagt. Für mich am treffendsten im geschätzten Theosalon, in dem zu diesem Thema Norbert Bauer die Abschlussrede des Papstes mit den Konzerten von Bob Dylan vergleicht, von dem er noch zuletzt eins besuchte. Während der alte Bob lauter neue Stücke spielt oder alte Stücke so neu interpretiert, dass keiner mitsingen kann, hörten wir aus Rom gestern das alte Lied vom Klagen über Glaubensschwund und über zu wenig Priesterberufungen und über Laien, die Wichtiges leisten, aber in der Gefahr stehen, die besondere Aufgabe des Priesters zu relativeren. Mehr Glauben, mehr Gebet, mehr Gegenkultur, dann wird das schon wieder. So ähnlich kommt die Schlussrede von Papst Franziskus in meinen Ohren an.

Also, alles gesagt. Nichts Neues unter römischer Sonne. So wie wir in unseren Gottesdiensten sogenannte Neue Geistliche Lieder singen, die alter, oft kalter Kaffee sind. Schön für meine Generation, denn als ich Kind war, war vieles davon wirklich noch relativ neu, und als ich jung war, ist das ein und andere dazugekommen. Aber es ist wie mit der Neueren Geschichte, die ja neuer als die neue zu sein scheint, trotzdem aber als Epoche,  wenn ich mich richtig erinnere, ab ungefähr der französischen Revolution angesetzt wird. Erst die Epoche der Neuesten Geschichte ist eine, aus der es noch Zeitzeugen gibt, die demnach aber auch nicht erst gestern beginnt und noch deutlich vor der Gegenwart stattfand.
Aber Schluss mit dem kleinen Exkurs. Ich lenk mich ja selbst vom eigentlichen Gedanken ab.

Also: Das Lied aus Rom am 20.11. zum Abschluss des offiziellen Bischofsbesuch hätte so auch beim letzten offiziellen Besuch der Bischöfe vor 5 Jahren unter Benedikt XVI. und davor und davor gesungen werden können.

Um nicht zu verzweifeln, hör ich da nicht länger hin, hab ich doch seit einigen Monaten einen anderen Ohrwurm im Kopf, als ein deutscher Bischof etwas überraschend Neues zum Thema Kirche in der heutigen Gesellschaft beizutragen hatte. Ich finde ihn mit diesen Thesen nirgendwo im Netz zitiert und nenne deswegen seinen Namen mal nicht. Bleiben so inklusive der Weihbischöfe um die 60 zur Auswahl, auch wenn die kundige Leserin und der wache Zeitgenosse einige womöglich sofort ausschließen wird, oder meint, in meinem Fall zu wissen, wer das sein müsste. Es ist jedoch nicht so einfach, wie es scheint.

Mit Blick auf den dieses Jahr anstehenden Besuch der Bischöfe in Rom sagte dieser Bischof jedenfalls sinngemäß*: Ich hoffe, dass es nicht um die bekannte Klage über Glaubens- und Gläubigenschwund gehen wird. Ich würde gern über anderes reden. Nämlich wie in der Gesellschaft, in der wir leben, in der der Glaube an Gott eben allgemein aus vielen Gründen nicht mehr selbstverständlich ist, Christsein gehen kann. Das ist keine schreckliche, beklagenswerte Prüfung. Das ist eine positive Herausforderung, bei der wir es in Deutschland und anderen säkularisierten Ländern eben mit anderen Grundbedingungen zutun haben als in Ländern, in denen Katholizismus entweder weiterhin Volkskirche ist oder in Ländern, in denen Christen verfolgt werden. Dem ist Rechnung zu tragen. Und was soll es bei uns, den Verlust der Volkskirche ständig zu bedauern. Das ist durch. Wie geht Christsein in unserem gut abgesicherten, demokratischen Rechtsstaat, in dem selbst die Nächstenliebe staatlich und durch kirchliche Institutionen garantiert ist? Wie geht Priestertum und Ordensleben, wenn die Wahl eines dieser geistlichen Wege komplett ohne den Zusatzaspekt daher kommt, sozialen Aufstieg zu erleben, finanziell gut abgesichert zu sein und Prestige zu erwerben? Wenn es für Frauen Zugang zu Bildung und Beruf gibt, auch ohne in eine Ordensgemeinschaft zu gehen? Das sind doch viel eher unsere Fragen. Nicht der Glaubensschwund.

Das waren neue Töne aus Bischofsmund, zumindest für meine Ohren. Das waren welche, die ich gestern gerne aus Rom mit Blick auf Deutschland gehört hätte. Hat nicht geklappt, aber wenigstens hier vor Ort ist der ein oder andere im Bischofsamt womöglich eher mit diesem Lied unterwegs. Und viele andere Verantwortliche in Kirche sowieso. Ich kann da gut mit. Ich hab das Klagen in vielen kirchlichen Bereichen satt, wenn es um die Bewertung der Gegenwart geht, in der wir nun mal Kirche sind.
Das ist nämlich eine Gegenwart, die ich in vielfacher Hinsicht sehr zu schätzen weiß, auf die die alten Rezepte gar nicht mehr passen können, und von der Kirche noch an vielen Stellen viel lernen kann. Nicht zuletzt wie dort verantwortungsvoll sehr unterschiedliche Beziehungen gelebt werden, die in der Bibel zeitbedingt nicht vorkommen konnten. Nicht zuletzt das!
Und sonst: Wir haben keine andere Welt und keine andere Gesellschaft als diese. Als Christinnen und Christen stehen wir dort mit anderen Zeitgenossen gegen die Pegidas auf der Straße, schreiben als Ordensleute offene Briefe gegen die Flüchtlingspolitik Bayerns und engagieren uns für die aus vielen Nöten Geflohenen vor Ort, teils initiativ, oft im Netz mit vielen anderen. Um nur ein paar Baustellen zu nennen.
Wir suchen nach uns gemäßen Formen, uns mit dem Ursprung in Gott und seinem Sohn Jesus Christus zu verbinden, und gründen neue Gemeinden und Initiativen und kommen auf wohltuende Gottesdienstformen für Herz und Hirn wie hier und anderswo, wo nicht nur Licht, Bild und Wort, sondern sogar die Musik stimmen.
Da sing ich mit. Da geht es weiter. In Verbindung zum Ursprung, weiter in die „äußerste Gegenwart“**.

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*Das ist kein O-Ton, sondern eben meine sinngemäße Wiedergabe, in die womöglich auch Formulierungen und Aspekte aus dem sich anschließenden Gespräch eingeflossen sind, das sehr konsensual verlief, aber in dem der Bischof nicht zu allen einzelnen Argumenten Stellung nahm.

**In Anlehnung an eins meiner Lieblingsgedicht von Rose Ausländer: Gehen // Gehen / wohin dein Frageblick / träumt // In die äußerste / Gegenwart.

bleiben (151/366)

Es gibt viele Gründe, nicht für die katholische Kirche zu arbeiten. Aber am Ende des Tages fällt mir immer mindestens der eine mehr ein, warum ich bislang geblieben bin und warum ich weiter bleibe.

Besser als ihr Ruf (Kirche in WDR 2)

Großraum- oder 6er-Abteil? Wenn Sie auch oft Zug fahren müssen kennen Sie die Frage. Normalerweise wähle ich immer Großraum. Mein Eindruck ist: Mit vielen Leuten um mich rum habe ich im Idealfall eher meine Ruhe. Und die hab ich im Zug gerne. Und, ich gebe zu, als Frau hab ich in diesen kleinen 6er-Abteilen schon unangenehme Situationen erlebt. Stichwort: betrunkene, aufdringliche Mitfahrer allein mit mir im Abteil. Das brauch ich nicht. Dem geh ich aus dem Weg.
Neulich hatte ich jedoch keine andere Wahl: Der Zug schien nur aus 6er-Abteilen zu bestehen. Ausgerechnet bei einer Fahrt, die viele Stunden dauern sollte. Also habe ich in den sauren Apfel gebissen, und mich zähneknirschend zu einer Dame ins Abteil gesetzt.
Und was soll ich sagen? Unverhofft kommt zwar im Leben gar nicht so oft, aber das hier wurde die angenehmste Zugfahrt seit langem. Die meiste Zeit konnte ich in Ruhe lesen. Mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch gekommen, war aber auch nett. Die besuchten eine Freundin und fuhren dafür eine ganz schön lange Strecke an einem Tag zweimal. Mit einem Mann habe ich später zusammen über Zugansagen gescherzt, und als es im Ruhrgebiet zu Büroschluss proppenvoll wurde, gaben wir einem Klappfahrrad Asyl zwischen unseren Füßen.
Eine unaufdringlich angenehme Fahrt also, die ich mit ziemlich gemischten Gefühlen begonnen hatte. Ich hatte sogar ziemlich schlecht von Menschen gedacht, die mir noch gar nicht begegnet waren. Aber: Fremde Menschen können oft besser sein als ihr Ruf.
Natürlich: ein gewisses Grundmisstrauen gegenüber Fremden ist uns vielleicht angeboren. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das manchmal angebracht ist.
Das macht die folgende Übung nicht leichter, aber auch nicht unmöglich. Und die könnte eigentlich jeder religiöse Menschen mal ausprobieren: Seit meiner schönen Zugfahrt setze ich mich hin und wieder ins Abteil und versuche, die Menschen um mich herum zu erfassen. Ich mustere sie nicht, aber ich versuche, sie im Blick zu haben und ich sage mir dabei: „Alles Gottes Ebenbilder“. Und das macht etwas mit meinem Gegenüber. Das macht ihn…weniger fremd.

Kirche in WDR 2 am 13. August 2014 05:55 Uhr