Archiv der Kategorie: Körpergeschichten

hüpfen

Neuerdings hüpfe und tanze ich. Meine Güte, ist das schön! Ich habe einen Pool in der Nähe adoptiert und kann da ab und zu machen, was ich will. Manchmal mach ich einfach nichts und guck ausgiebig den Himmel an. Aber ich überlegte zwischenzeitlich auch angestrengt, welche Übungen von irgendwelchen Aquafitnessstunden mir noch einfielen. Ich recherchierte im Netz und mühte mich redlich, ein paar Bewegungsabläufe zu verinnerlichen und dann im Wasser abzuspulen. Allerdings meldete sich als inneres Bild keine motivierende Übungsleiterin am Beckenrand, ich selber schüttelte bloß den Kopf und wusste: Das ist es nicht. Also schwamm ich ein paar Bahnen, die nur aus Abstoßen, vier Züge machen, Wenden, vier Züge machen und immer so fort bestanden. Das wollte ich aber nicht. Und auch nicht jedes Mal ausgiebig Himmel gucken.

Zum meinem Glück meldete sich vor wenigen Tagen der Schalk oder wer immer das war. Und seit dem hab ich eine neue Leidenschaft. Ich hüpfe und tanze ich durchs Wasser. Ungefähr eine halbe Stunde lang reichen Puste und Lust. Wundervoll, diese Sache. Ich bin dabei federleicht, ach papperlapapp, ich kann jedenfalls hüpfen und springen und tanzen, wie es außerhalb des Wassers nicht möglich ist. Ich lasse mich auf den Boden des Schwimmbeckens fallen und zieh mich an einer dieser lustigen Schwimmnudeln wieder hoch, wieder und wieder. Ich dreh mich um meine Achse. Ich vergesse die Zeit und ich hab kein Ziel und bin lebendig und glücklich und sehr froh. Und das wirkt über die Hüpfzeit hinaus, das mit dem lebendig und glücklich und froh.

Und heute hatte ich am Abend noch nicht genug Bewegung und bin noch vier Kilometer durch die Wiesen gegangen. Wie im Rausch. Und hab den Vögeln zugehört, das Abendlicht gefeiert und in Grüntönen gebadet. Und morgen wird wieder gehüpft. Tada.

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Kompliment

Und da war heute dieser alte Herr, der im Café am Tisch gegenüber saß und ungeordnet auf einem Papier rumschrieb. Als ich mich mit Espresso Doppio, Crema di Fragola und einem Glas Wasser niederließ, merkte er auf. Ich wich dem Blickkontakt aus. Ich wollte alleine sein und nicht mit jemandem Fremdes reden. Ich versank umgehend im Genießen und Lesen und blickte nicht mehr auf.

Etwa eine Viertelstunde später nahm ich eine Bewegung wahr: Der alte Herr brach auf, kam einen Schritt auf meinen Tisch zu und begann leise zu sprechen, so dass ich zu ihm hochsah. „Danke, dass Sie da sitzen. Das ist so ein schönes Bild. Ich hab früher gemalt. Das wäre ein Motiv gewesen. Das nehm ich jetzt so mit. Wie Sie da sitzen und genießen. Mit Ihrer ganzen Fülligkeit, mit Ihrer Schönheit. Dankeschön.“

Sprachs, drehte sich um und ging, auf seinen Gehstock gestützt, sehr langsam davon.

Keine Ahnung, was das war. Oder ob das etwas sollte. Ob er das öfters macht, ganz egal wer wo alleine sitzt. Weil er einsam ist oder verwirrt oder manchmal jemand sagt, „Ach, setzen Sie sich doch.“ Was das heute aber für mich auf alle Fälle war: Ein wundervolles Kompliment. Als dicke Frau, die sich ungesundes hochkalorisches Hüftgold gönnt, bin ich keine oder abschätzige Blicke gewohnt. Ein Lob meiner Fülligkeit und Schönheit, das ging runter wie Crema di Fragola.

Ich such mir einen Baum

Ich möchte mich mehr bewegen. Nicht weil das am Anfang des Jahres so viele wollen oder weil mein Friede mit meiner Körperfülle derzeit fragil ist. Ich will bei den anstehenden Urlauben nicht so schnell aus der Puste sein, wenn ich fürs Fotografieren unterwegs bin. Mein Herz, mein Kreislauf, ihnen soll es etwas besser gehn.

Mir fehlt jedoch trotz dieser Motivation jeder Elan für sportliche Betätigungen. Ich bin zu Zeiten meines Lebens gern gewandert, mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und sogar auch mal eine Zeit lang regelmäßig geschwommen und gelaufen. Weil es mir gut tat und irgendwann zum Selbstläufer wurde. Ich sehe das derzeit nicht, dass das wieder passen könnte. Ich habe da keine Zeit für. Ich möchte soviel anderes viel lieber tun. Leute treffen. Und erst recht vieles sehen, hören, lesen, schreiben, fotografieren. Davon etwas sein lassen, um mich zu bewegen und meine Fitness zu verbessern, das kommt mir nicht in den Sinn.

Deswegen suche ich mir jetzt einen Baum. Einfach so spazieren gehen, dafür habe ich keine Zeit. Ich will einen Baum finden, den ich dann öfters besuchen gehe. Und zwar mit meiner Kamera. Das wird kein zielgerichtetes Zirkeltraining, aber die Gegend hier ist hügelig und der Baum wird natürlich zu Fuß besucht werden.

Ich habe diesen Plan schon eine Weile. Und heute bin ich kurzentschlossen losgegangen und hab mich mit dem Zeitpunkt selbst überrascht. Na, er lag wohl mit daran, dass das Wetter schlechter wird. Und dass die Zeit bis zum nächsten Urlaub nicht endlos ist. Das war mir sehr plötzlich sehr klar. Und da war es egal, dass das Licht schon gar nicht mehr sehr schön war. Ich musste los.

Ich habe mich heute also kurzfristig etwas mit der Baumsituation vertraut gemacht, die für mich gut erreichbar ist. Der Baum, den ich mir aus der Ferne schonmal ausgeguckt hatte, den hab ich nah nicht wiedergefunden. Und den Traumbaum, für den ich etwas unterwegs sein muss, der schön allein auf einer Wiese oder einem Hügel steht und an den ich einigermaßen nah ran kann, den hab ich auch nicht gesehen. Aber ich habe einige nette Bäume getroffen. Mal gucken, ob es von denen einer wird, oder ob ich noch ein bisschen weiter gehen muss.

Mal gucken, wie das weiter geht. Der Anfang ist gemacht.

Welcher Baum gefällt dir?

 

Kugelelfensolidarität

Nach dem Fremdeln vorgestern, mich in einer Runde mit einer Reihe dicker bis sehr dicker Menschen wiederzufinden, haben wir uns heute verschwestert. Und ich war sehr aktiv dabei. Einfach schön, wenn da Sympathie ist und frau die irgendwann ausdrückt und sich nach dem Essen festquatscht, Klamotteneinkaufstipps austauscht und einander anstrahlt: Wir sind wie wir sind, wir sind schön und intelligent. Und nicht alleine auf der Welt.

Die Sache mit dem Abnehmen und Annehmen.

Ja, die müssen selbst ihren Weg machen. Und als dicke Frau bin ich die letzte, der sie zuhören möchten. Aber bei der einen oder anderen der jungen Frauen, die gerade Kalorien zählen, denk ich etwas wehmütig an die junge Frau, die, wenn sie sich damals mehr hätte mögen können, womöglich heute unbeschwerter durch die Gegend liefe. Aber das nutzt ja nix. 

Fähren in den Schären

Es ist möglich, mit ziemlich großen Fährpötten durch ziemlich kleine Inselchen zu zirkeln und das Ziel sicher zu erreichen. Und es sieht dabei leicht und für Momente sogar elegant aus. Ich will mir das merken.

und ist doch rund und schön

Body acceptance / fat acceptance schön und gut: Doch wenn ich mich auf manchen Fotos anderer sehe, erschrecke ich oft. So dick bin ich? Wenn ich nur für mich bin oder wenn der Reisegefährte von mir Bilder macht, mag ich mich. Durch die Augen anderer fällt mein Urteil oft nicht freundlich aus. Bestenfalls blende ich den Part, wie sehr wir alle unser Körper sind, im Alltag aus.
Heute könnte mich trösten, dass es den Kindern und Teens, die zu Besuch waren, ziemlich egal zu sein scheint, ob ich dick oder dünn bin. Die Tanten- und Nichtenliebe ist davon in keiner Weise betroffen. Okay, darauf konzentrier ich mich den Rest des Wochenendes mal. Und dann bin ich eh wieder im vertrauten Setting unterwegs.IMG_8637

Ja, fünf Jahre (335/366)

Heute vor fünf Jahren war auch ein Samstag. Ich kann mich an sehr viel erinnern, an das Wetter überhaupt nicht. Es war nicht kalt und hat nicht geregnet, soviel steht fest. Jedenfalls war der zweite Standesamttermin, der um 09:20 Uhr, unserer. Und um 16:30 Uhr läuteten Kirchenglocken. Es war ein wunderwunderwunderschöner Tag, voll Liebe, Freundschaft, Zukunft. Mit unsern liebsten, nächsten Menschen. Fast allen: Oma Käthe behielt ihr Namensschild an unserm Tisch, auch wenn wir sie drei Tage vorher beerdigen mussten. Sie war in Schmerz und Freude nah. Und bekam montags den Hochzeitsstrauß ans Grab gebracht.

Und so albern ich die Sprüche vorher fand: Unsere Hochzeit gehört tatsächlich zu den schönsten Tagen meines Lebens. Ich erinnere sehr warm an dieses Dauerstrahlen des Reisegefährten und von mir, das noch einige Wochen nicht wegging. So ein Hochgefühl: Wie schön es ist, sich zu dieser Liebe zu bekennen, sie zugesagt zu bekommen, und sie eingebettet zu wissen in die Zuneigung unserer FreundInnen und Familien. Irre Gefühle, ehrlich gesagt. Vorher so nicht vermutete.

Und einer dieser Tage, an denen ich ohne diesen ewigen Zweifel an mir selbst unterwegs war. Ich, große, sehr dicke Anfang Vierzigerin, habe in einem langen weißen Kleid geheiratet. Etwas, das ich, bis ich Mitte dreißig war, kategorisch ausgeschlossen habe. Kleid und weiß. Wenn ich sonst keine Kleider trage, warum am Tag meiner Hochzeit. Und dieses überfrachtete Weiß: Im Leben nicht. Aber als dann unsere Hochzeit näher kam, war das plötzlich anders. Dieser Tag brauchte ein eigenes Kleid. Die Überzeugung war auf einmal da. Und stimmte für mich. Heute denk ich: Ich hätte mir auch was in Blau nähen lassen können. Ja, klar, hätte ich. Wollte ich da aber nicht. Und wie passend das war und wie sehr ich mich an dem Tag in dem Kleid wohl gefühlt habe und sogar vergessen habe, dass ich in einem langen weißen Brautkleid rumlief, hält meine Lieblingsanekdote des Tages für immer fest: Als ich überhaupt mal selber am Buffet vorbeikam, es muss schon am späteren Abend gewesen sein, gratulierte mir jemand vom Service zur Hochzeit. Und ich war völlig verwundert und dachte: „Ich kenn den nicht. Woher weiß der, dass ich die Braut bin?“ Dabei gab es davon unter Garantie nur eine im Raum…

Nach fünf Jahren strahlt das Glück dieses Tages freundlich rüber. Wir sind mittlerweile deutlich länger verheiratet, als wir vorher ohne diese Ringe zusammen waren. Es sind keine fünf Jahre reinen Sonnenscheins, aber was wäre das für ein Wetter. Und auch das anstrengendere Jahr haben wir gut überstanden. Derzeit sind wir beide vor allem glücklich und dankbar, einander gefunden zu haben und zusammen unterwegs zu sein. Manchmal meint man fast, das Glück fassen zu können, aber es ist doch immer noch größer als wir. Schön, das.
Es gibt keine Garantie, dass alles so bleibt mit uns, beziehungsweise wir uns so weiterentwickeln, dass das zusammen passend bleibt. Aber die Zeichen stehen nicht schlecht. Und dass ich noch nie so lange mit einem Menschen im Alltag und auf anderen Reisen so gerne zusammen war und soviel gelacht habe und mich so frei und so verbunden gefühlt habe: Das ist so oder so wundervoll.

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200/366 (Update)

Körperlich bin ich ja mehr so als Kugel-Elfe beschreibbar, und das schon mein Leben lang. Endsprechend war Sport nicht mein Lieblingsfach in der Schule, Volleyball ausgenommen, aber das konnte ja doch nicht dle ganze Zeit gespielt werden. Bei allen Turn- knd Leichtathletiksachen kam ich kam an die Leistungen und Zeiten der meisten anderen nicht ran und hab mich von der 5. bis zur 10. Klasse eher durchgequält, bzw. irgendwann eine: ich-kann-das-halt-nicht-ist-auch-nicht-so-schlimm-aber-trotzdem-doof-Haltung rumgetragen. Bis es in der Oberstufe plötzlich diese tolle, motivierende Sportlehrerin gab, bei der ich in Leichtathletik als Zwischennote mal eine Zwei statt der ewigen Drei minus bekam: Als wir einzeln zeigen sollten, was wir gelernt hatten, brachte ich die Gummischnur, die zum Glück die Hochsprunglatte ersetzte, zum Tanzen. Das muss komisch ausgesehen haben: Ich selber und auch die Lehrerin fingen spontan herzlich an zu lachen. Sie sagte: „Oecherin, die Technik ist super. Aber mit deiner Masse kommst du einfach nicht höher. Ich geb dir ne Zwei für die Technik.“

Ab dem Tag ging ich wesentlicb entspannter zum Sport: Ich hatte die Gummischnur zum Tanzen gebracht, die die andern in ihren Höhenflügen erst gar nicht berührten. Und ich hatte damit die gleiche  Wertschätzung. Das war eine wichtige Erfahrung: Anders sein spielt manchmal überraschend keine Rolle.

(Update am 10.1.: Der obige Text ist ein Ausschnitt aus der Predigt beim ZeitfensterGottesdienst am 8.1.2016 in Aachen. Es gibt einen Videomitschnitt und ein Podcast.)