Archiv der Kategorie: Lebensgeschichten

Ein Hoch

Ein Hoch auf die, die vor uns und mit uns lebten und irgendwie auch für uns. Heute ganz besonders auf K. an ihrem 102. Geburtstag. Wie wunderbar, dass ich dich noch treffen durfte. Dein Enkel liebte und liebt dich sehr, aber das weißt du ja. Ein Hoch auf Dich, liebe K.. Dein Lachen und dein unverwüstlicher Optimismus klingen nicht nur heute in meinen Ohren. Ein Hoch auf dich.

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licht

Wie schön, mit dem Besuch beim Alten Oecher einen hellen Moment erwischt zu haben und Witz und Charme zu erleben und Zuneigung.

Am Abend dann gerührt durch alte Postkarten gesehen. So viele Geschichten aus so vielen Jahrzehnten. Wie die Zeilen aus Big Apple von 1973. Der einfache Oecher Jong und New York: Mein Herz so weit.

Wohin

„Und wo wollen Sie denn hin, junger Mann?“ fragte jemand spaßeshalber, als er im Haus fast mit dem Alten Oecher zusammenstieß. „In den Himmel“ antwortete er. Und lachte fröhlich.

Liebe Tante Anna

Liebe Tante Anna,
letzte Woche kamst du mir nach langem nochmal in den Sinn, als ich grade eine Miesmuschel auf den Nachbarteller schob und am Wochenende warst du dann unser Licht an einer äußerlich trüben Familienkaffeetafel. Ich hab seit dem weiter an dich gedacht und gestern eine seltsame Geschichte deiner Schwester aufgeschrieben. Und heute schickt mir meine Mutter, deine älteste lebende Nichte, eine Nachricht, dass jemand Jahr und Tag deines Todes wiedergefunden hat. Und: Er jährt sich heute.
Wie manchmal alles zusammenkommt.
Du bist seit 37 Jahren tot. Ich war grad mal elf Jahre alt, als du starbst. Dass ich noch so jung war, erstaunt mich heute am meisten, und dass ich dich trotzdem nicht nur in guter, sondern auch so gut in Erinnerung habe. Ich dachte, ich wäre 13-14 gewesen als du starbst. Nun denn. Ich halte fest: Bis man elf ist, kann man einen Menschen, den man nur bei Familienfesten und ab und zu zwischendurch beim Muschelessen und anderen Besuchen trifft, so lieb gewinnen und noch 37 Jahre später so herzlich und umfassend erinnern. Ich sehe und höre dein Lachen, sehe deine schönen dunklen großen Augen, fühle die Lücke in deiner rechten Hand, an der der Mittelfinger fehlte. Ich erinnere natürlich deine unglaublichen O-Beine, über die du selbst als erste und am herzlichsten lachtest, und die deiner Eleganz und Schönheit und Grazilität keinen Abbruch taten. Du warst bei allen Gelegenheiten ein gern gesehener, freundlicher, fröhlicher Gast. Die Erinnerung an deinen angenehmen Blick rührt mich heute sehr an.
Liebe Tante Anna, ich freu mich sehr, dass ich dich, als ich Kind war, getroffen habe. Was ist, wenn dich keiner mehr erinnert? Wer hätte in deiner/meiner/unserer Familie dieser Tage und überhaupt wieder an dich gedacht, wenn nicht das kleine Mädchen, das die Oecherin mal war, auf mehr als eine Art von dir beeindruckt gewesen wäre? Ach, ich mag da nicht drüber nachdenken, sondern mich grad nur daran freuen, dass die Sache mit dem Sterben und für-immer-weg-sein seit knapp einer Woche so relativ ist.

In Liebe!
Deine Großnichte

Tantenleuchten (Notizen vom 19.8.2017)

Die Gesichter der drei Geschwister (76,77,79) fingen an zu leuchten, als ich sie nach ihrer Tante, meiner Großtante fragte, die ich zu meiner Kinderzeit noch liebenlernen durfte.

Mir war sie vor ein paar Tagen plötzlich wieder eingefallen, als ich dem Reisegefährten ein paar Miesmuscheln auf den Teller schob. Sonst mag ich ja fast nichts nicht, aber Miesmuscheln meide ich, wo ich kann. Ich denk halt gewöhnlich nur an Sand zwischen den Zähnen, der beim Essen dort hingekommen ist und nicht im Meer. Erst diese Woche fiel mir wieder ein, dass Muschelessen in meiner Kindheit ein Fest war, weil meine Großtante Anna uns aus diesem Anlass einmal im Muschelhalbjahr besuchen kam. Sie liebte diese Meeresfrüchte. Und sie war ein gern gesehener Gast, zog doch immer mit ihr Heiterkeit für ein paar Stunden ins Haus. Selber war sie Köchin gewesen, erst lange bei einer reichen Aachener Familie, dann in ihrer geschwisterreichen Familie, in der sie im Haushalt des Priesterbruders mit diesem, einer Schwester und der Mutter lebte. Das waren Zeiten. Ich lernte sie erst kennen, als die drei anderen schon nicht mehr lebten. Tante Anna, diese kleine Frau mit weitem Herzen und der wunderbaren Fähigkeit, auch über sich selbst herzhaft lachen zu können. Denk ich an sie, geht mein Herz auf und meine Mundwinkel entsagen der Schwerkraft. Ach, dass ich aber auch über Jahre Miesmuscheln weiträumig mied! So kam sie mir so lange nicht mehr in den Sinn.

Aber heute, bei einer kleinen Familienzusammenkunft, war sie wieder dabei, und es war ein Fest, das Leuchten in den Gesichtern ihrer Nichten und des Neffen angehen zu sehen, als ich ihren Namen nannte und nach Geschichten von ihr fragte. Auch die andern im Raum, die sie kannten, erinnerten sich gerne. Erinnerungsfetzen wurden zusammengetragen. Und Köpfe geschüttelt, weil partout niemandem das Sterbejahr einfiel. Dass es das Grab nicht mehr gibt, ist nur ein Anhaltspunkt. Aber heute war sie ja auch gar nicht so sehr tot. Sie hat uns zum Lachen und Strahlen gebracht.

Ja klar, die erzählten Geschichten schreib ich noch auf und bleib auch sonst an euch dran, werte Vorfahren! Ach, und dass auch kinderlose Tanten noch nach Jahrzehnten ab und an erinnert werden, ist überdies eine nicht unerheblich tröstliche Aussicht.

Tour du Famille

Den ganzen Tag über erreichen mich Fotos und kurze Videos vom Durchrauschen der Tour de France durch Aachen. Familienmitglieder stehen mit eigenen Fahrradtrikots an der Strecke in der Altstadt. Und mein Herz versteht sie sehr gut, auch wenn die Zeit mit den Radprofis nur ein Wimpernschlag ist im Verhältnis zu den Stunden, die davor mit Warten vergehen. Und auch wenn die Tour kein vertrauenerweckendes Sportevent mehr ist. Aber: Die Sache mit dem Radfahren ist halt vererbt. Und großartig. Als in Deutschland noch sehr lange undenkbar war, die Tour de France live im TV zu sehen, saßen der alte Oecher und seine Kinder vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher und folgten den bewegten Bildern des belgischen Senders. Wie gut, so nah am Land des großen Stars Eddy Merckx zu wohnen! Und zu seinem 50sten, 1980, da war die Hochzeit von Merckx längst vorbei, sammelte der Alte Oecher für ein wohlüberlegt zusammengebautes Rennrad, als sowas noch ziemlich exotisch war. Sowohl das Sammeln zum Geburtstag als auch ein customized Irgendwas. Im Haus eines Mannes, der in den 1950ern mit dem Rad in Paris war und an Wochenenden den beim Radrennen gewonnenen Fladen 35 km nach Hause fuhr, da passte das. Die Oecherin, die gar nicht mal die Nummer 2 in der Familie war, fuhr immerhin mit 14 alleine die Himmelsleiter Richtung Eifel rauf bis an den Rursee (35 km), wo die Nachbarsfreundinnen Urlaub machten. Mit Flickzeug und ein bisschen Kleingeld fürs Notfalltelefonat. Und zum 16. Geburtstag wurde von Aachen aus mit ein paar Freundinnen die Eupener Wesertalsperre umrundet, 50 Kilometer mit Picknick-Pause, warum auch nicht. Und mit einem Bruder und dem Vater gings mal nach Trier (150 km). Und von soviel mehr tollen Touren könnte ich schwärmen, die mir heute niemand mehr glaubt, und die doch nur ein paar Pedalumdrehungen entfernt sind.

Fahrradfahren ist ein wundervolles Ding. Und in Aachen radfahrend aufgewachsen zu sein, zumal in Voreifelnähe, das prägt mein Leben. Ist so. Kein Wunder, dass mein Herz heute mit meinen Brüdern an der Strecke der Tour de France stand. Danke, alter Oecher, danke, große Alltagsradlerin noch mit Ende 70, liebe Mutter. Weiter gehts.

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Treibgut und Erinnerungen

Ich wusste, dass es irgendwann passiert. So war es heute morgen traurig, aber nicht tragisch, als ich ans linke Ohrläppchen griff und ihr Fehlen bemerkte. 

Beim Zerschellen einer Schüssel, von meiner Großmutter zum Studienbeginn aus ihrem Bestand geschenkt, musste ich neulich unmittelbar heulen. Heftig. Kurz. Eine Erinnerung, die nicht mehr greifbar ist. „Hier, Kind, die benutz ich fast nie. Nimm die mit. Und hier, die beiden Teller. Die passen eh zu keinem Service mehr.“ Aus der Zeit, in der ich nur ein Zimmer bewohnte und zwei Kochplatten auf dem Flur und eine Dusche vier Etagen tiefer im Keller zur Mitbenutzung hatte. 

Die schlichte, kleine, nicht zu schmale, silberne Creole, die seit heute morgen fehlt und vermutlich seit gestern im indischen Ozean liegt, war ein Geschenk meiner Mutter. Als ich vor gut 15 Jahren einmal Weihnachten in Sambia verbrachte, gab sie mir ein kleines Geschenk für den Abend des 24.12. mit. Dass sie mir ausgerechnet sowas gekauft hätte, hätte sie selber überrascht. Aber es müsse ja nun klein sein fürs Reisegepäck. Und wenn es mir nicht gefallen sollte, könnte ich es umtauschen. Das wäre, hätte man ihr im Geschäft am Stadtrand versichert, auch mit dazwischen liegender Afrikareise kein Problem.

Ich verstaute das kleine Päckchen in einer sicheren Ecke des Koffers und erinnerte mich an Heiligabend daran, obwohl ich übervoll mit einmaligen bis großartigen Weihnachtsmomenten war. Wir hatten mit einem Pickup Säcke weißen Maismehls, Grundnahrungsmittel der Gegend, in eine Dorfgemeinschaft bedürftiger Frauen gebracht; ich hatte mich bei 35 Grad im Schatten in amerikanische Weihnachtsschlager verliebt, die aus dem Autoradio tönten; die Christmette auf Chitonga hatte mit blökenden Kinderschafen, die auf allen Vieren durch die Kirche rannten, mein Herz erwärmt; der Pfarrer war kurz vor Schluss unterm Altar verschwunden, um einen Cassettenrekorder anzuschalten, aus dem Boney M. auf Deutsch Stille Nacht sang. Ich war die einzige Person in der überfüllten Kirche, deren Sprache das war. Dass ich das Lied nie sonderlich mochte: seit dem Abend ist das so egal. Nach der Mette gab es bei Sr. Mary obersüßen irischen Weihnachtskuchen und es wurde neben einem Plastikweihnachtsbaum mit flackernder Lichterkette und viel häßlichstem Lametta irgendein Kartenspiel gespielt, das ich kaum verstand aber langsam erlernte. Und irgendwann, bestimmt nach Mitternacht, immer noch bei drückend feuchten 30 Grad, im rosa Gästezimmer mit Dusche in der Ecke und dem schmalen Bett mitten im Raum und dem leicht angegrauten Moskitonetz, habe ich das Geschenk meiner Mutter ausgepackt und hatte diese beiden schlichten, kleinen, nicht zu schmalen, silbernen Creolen in der Hand. Sie gefielen mir sehr gut, und gerührt verstand ich, warum meine Mutter sich ein wenig wand und verlegen lächelte, als sie vom Finden des Geschenks erzählte. 
Denn sie findet Ohrlöcher eine völlig unnötige Minimalverstümmelung und machte, meine Entscheidung diesbezüglich respektierend, über Jahre Scherze darüber oder ließ freundliche Lästereien fallen. Und als sich ihre Tochter mit Anfang Dreißig auf andere große eigene Wege machte, zog sie los, um ihr schöne Ohrringe zu kaufen.

Ich habe die Creolen je länger je häufiger getragen, seit ein paar Jahren fast nichts anderes mehr. Ich habe ein paar mal schon eine der beiden beinahe verloren: Sie hing bei geöffnetem Verschluss noch so grade im Ohr oder in den Haaren, oder fiel in die Duschwanne. Seitdem wusste ich, dass es irgendwann mal dazu kommen würde, einen der beiden Ohrringe zu verlieren. Da ich sie vor dem momentanen Urlaub gut drei Monate lang nicht mehr ausgezogen hatte und nicht passiert war, dachte ich vorm Schnorcheln im Meer nicht mal dran, sie auszuziehen. Verrückt, schließlich zog ich selbst den sonst immer getragenen Ehering aus, nachdem er vor vier Jahren, beim ersten Schnorchelgang überhaupt, mal kurz im indischen Ozean verschwunden war. Dass ich die Ohrringe gestern anließ war also fahrlässig. Oder im Vertrauen der letzten Jahre, dass wir zusammengehören.
Aber ich weine nicht. Es ist passiert, was nun mal passieren kann. Und dass die gemeinsame Geschichte in Afrika begann und in Afrika endet, ach, das entlockt mir fast ein Lächeln.

Something new

Version 2

Ich brauch kein neues Hobby. Ich hab außerdem schon so lange nicht mehr gemalt. Von allen ungelesenen Büchern red ich erst gar nicht. Und da steht ein Cello in der Ecke und verstimmt vor sich hin.

Vier von vielen Gründen, die seit Jahren gegen die Anschaffung einer Nähmaschine sprachen.

Vorgestern hab ich diese Anschaffung nach einiger online-Recherche und einer Twitterumfrage getätigt. Heute brachte der Paketmann sie bis zur Wohnungstür. Und nachdem ich den Platz für die Nähmaschine freigeräumt hatte – der Reisegefährte hielt schon das Geräusch des Aktenvernichters für den neuen Motor im Haus – und erstmal Kaffee getrunken und Schokonüsse gegessen hatte, ist sie in Benutzung.

Und sie hat sich schon fast bezahlt gemacht: Eine umgenähte Hose, zwei reparierte Nähte und ein Plan zum Flicken eines Lieblingskleidungsstücks gingen flugs von der Hand. Und nach etwas Übung an weiteren eigenen Sachen geh ich demnächst dem Reisegefährten an die Hosenbeine.

Und als ich eben glücklich mit Garn, Spulen, Nadel, Handdrehrad, Fußpedal und Stoff beschäftigt war, wusste ich, dass es gar nicht die vier genannten Gründe waren, die mich seit Jahren davon abhielten, mir eine Nähmaschine zu organisieren: Ich hatte die Sache mit dem Nähen mit Stress in Erinnerung. In meiner Familie haben drei Generationen von Nähmaschinen gelebt. Und so wie ich gestrickt bin, hat es mir was ausgemacht, nicht so perfekt zu sein wie die, deren Maschine ich nutzen durfte. Ich hatte wenig Geduld mit mir, dafür viel zu hohe Ansprüche. Und zwar mehr eigene, als dass sie von außen an mich ran getragen wurden, glaub ich.
Warum auch immer ist jetzt, Jahrzehnte später, der Zeitpunkt da, mit praktischen Erwägungen und einer Menge Spaß neu zu beginnen. Dazu gehörte auch, nicht meinen Stammbaum zu befragen, was ich bei der Anschaffung beachten soll, oder zu warten, bis diese oder jene Maschine generalüberholt perfekt für mich wäre. Ohne Erwartungsdruck von außen freute ich mich heute sehr, dass nur der Reisegefährte zwei Zimmer weiter mitbekam, wie die erste Naht gelang. Und die entstand nicht auf Probestoff, sondern sofort an einem Kleidungsstück. Toll, dass ich wie beim Radfahren bestimmte Grundfertigkeiten nicht verlernt habe. Und dass es das Internet mit Videotutorials zum erinnern und neu lernen gibt.

Ach, wie schön, dass sich ein Kreis schließt und ich mich mit mir selbst an einem wunden Punkt versöhne. Ein Grund mehr, mich mit Anfang Ende Vierzig in den besten Jahren zu ahnen.