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Vor dem langen Wochenende

Die Sache mit Weihnachten wird viel entspannter, wenn man es einfach als langes Wochenende betrachtet, an dem viel los sein wird. Die ganze emotionale Überfrachtung rückt mir diesem kleinen Gedankenspiel sofort ein Stück zur Seite. 

Als ich das heute machte, war mir noch leichter ums Herz, als es dieses Jahr eh schon ist. Mehr und weniger entspannte Familiensituationen werden kommen und werden gehen. Und ich freu mich auf ein Gesicht besonders beim Auspacken meines Geschenks.

Und dass es um die Liebe an und für sich geht, dass war mir heute schon mal sehr präsent. Zufällig. Hab ich nicht jedes Jahr, freue mich, wenn es wie heute kurz aufscheint: Dass der Ursprung meiner Religion unbedingte Liebe ist mit sehr menschlichem Gesicht. Da kann das lange Wochenende, an dem viel los sein wird, ruhig kommen.

WmdedgT 9/2016

Frau Brüllen fragt jeden 5. eines Monats „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ und sammelt die Antworten.

6:15 Uhr geht der Wecker, um 6:30 Uhr stehe ich auf. Nach allem, was ich danach halbwach mache, bin ich um 7:30 Uhr in der Küche, lasse die Katzen raus, bereite deren Frühfressen vor, packe aus drei Taschen von der letzten Dienstreisewoche eine, die ich später auch gut im Bus transportieren kann, esse einen Happen, warte ein Weilchen, bis beide Katzen von ihrer Morgenrunde zurück sind, stelle ihnen das Futter hin, küsse den Reisegefährten und breche auf.

Da die Autobatterie am Sonntagabend nach Freitag erneut total leer war und wir zum ersten Mal das Aufladegerät ausprobiert haben, ist der Aufbruch keine Routine. Die Batterie ist jedoch erwartungsgemäß so voll, dass ich starten kann.

Der erste Weg führt in die Autowerkstatt, um die Batterie zunächst überprüfen zu lassen. Währenddessen gibt es Kaffee und Wasser und jede Menge Autohausmitarbeiter, die die Kaffeemaschine im sonst sehr ruhigen Wartebereich frequentieren.

Nach zwei Espressi und zwei großen Gläsern Wasser will ich grad anfangen, zu arbeiten, komm aber nicht weiter als die Abwesenheitsmeldung nach vier Wochen auszuschalten. Batterieprüfung ist erfolgt, diverse Fragen über Neueinbau sind zu klären: War die alte nicht eigentlich noch ziemlich jung? Wann kann die neue geliefert werden? Wie bekomm ich das drumrum organisiert.

Schließlich lass ich das Auto da. Wie in einer Apotheke bekommt auch ein Autohaus Dinge am selben Tag geliefert, wenn früh genug bestellt wird. An der Bushaltestelle im Gewerbegebiet stehen neue Container: Im Bus, der pünktlich um 9:47 Uhr auftaucht, les ich im Internet darüber, dass das Flüchtlingsunterkünfte werden. Besser als Turnhallen bestimmt. Ob die Lage so toll ist, sprich: der hinter den Containern beginnende Stadtteil Flüchtlinge freundlich aufnehmen wird, dazu kenn ich die Gegend nicht gut genug.

Lese im Bus Twitter und einen dort verlinkten Artikel über Mecklenburg-Vorpommern. Nach den befürchteten und tatsächlich Besorgnis erregenden Wahlergebnissen der gestrigen Landtagswahl hab ich bewusst kaum was von den ebenfalls erwartbaren Reaktionen von Politiker*innen, Medien und in den sozialen Netzen mitgenommen. Diese Replik auf gängige Klischees find ich interessant.

Die ungewohnte Anfahrt ans Büro beschert mir einen unüblichen, schönen Weg durch die Fußgängerzone zum Bonner Markt. Bei toller Beleuchtung genieß ich die Extrastrecke durch die schöne Sternstraße.

Um 10:15 Uhr bin ich endlich im Büro. Die Kollegin aus dem Sekretariat erzählt vom staubigen Umbau Zuhause und dem bevorstehenden Wechsel der Bürotechnikfirma. Letzteres klingt verheißungsvoll. Ich arbeite mich durch die elektronische und die papierne Post, hab einen erfreulichen Telefontermin, erreiche zwei Leute nicht und bereite ein paar Dinge vor. Mittags hol ich mir einen belegten Bagel und grübel ein wenig über das Zeichnen von Katzen.

Um kurz vor 17:00 Uhr breche ich auf, um mein Auto wieder abzuholen. Im Bus les und schreib ich weiter Mails. Wegen einer Baustelle hält der Bus an ungewohnter Stelle. Zu dritt steigen wir aus und machen uns auf den verlängerten Fußweg: ca. 500 statt 100m. Die ältere der  beiden mitaussteigenden Frauen erkennt den Weg nicht wieder und ist sehr verunsichert. Mit ihrer Tochter beschwichtige ich sie; ich zusätzlich mitbedenkt Vorteil, die Strecke morgens schon mal gefahren zu sein. Die Tochter und ich halten uns freundlich dran, der Mutter die Angst zu nehmen, völlig verkehrt zu sein, und passen beide unsere  Geschwindigkeit der älteren Dame an. Die freundliche Schicksalsgemeinschaft wird deutlich stiller, als ich auf die Frage „Gehen Sie auch zum billigen Möbelladen?“ nicht nur nein sage, sondern aufs Autohaus davor verweise, das auf den ersten Blick nur ziemliche Nobelschlitten verkauft. Dass mein Wagen der kleinste der günstigsten der drei Marken ist, erwähne ich nicht; es hätte es nicht viel besser gemacht: Auch den könnten sich die beiden kaum leisten. Und ich hatte noch nie von diesem Möbelladen gehört. 

Um 18:00 Uhr zuhause angekommen spring ich kurz bei der Nachbarin rein, die ich morgen früh zum Bahnhof bringe, um sie bezüglich meines Autos zu beruhigen. Dann erzähl ich mit dem Reisegefährten, stelle eine Maschine Wäsche an, füttere die Katzen und räume noch etwas Reisesachen weg. Der Reisegefährte kocht, wir essen gemeinsam und erzählen weiter vom Tag und von Urlaubsplänen.

Am Abend steige ich nach Monaten noch mal bei Postcrossing ein, ziehe vier Adressen und überlege, was ich für Postkarten nach Holland, Russland, USA und Frankreich schicken könnte. Da ich  mich jedoch seit vorgestern auch beim #catember beteilige, dem Vorschlag von Kiki Thaerigen, im September jeden Tag eine Katze zu zeichnen, kommt mir dieses Unterfangen in die Quere. Es kostet mich viel Zeit und ich kann das eigentlich gar nicht, aber es macht gleichzeitig Spaß. Heute wird zugleich eine Reminiszenz an den 70. Geburtstag von Freddie Mercury daraus.

Kurz nach Mitternacht ist es jetzt. Huch, ich wollte früh ins Bett, da morgen der Wecker schon vor 6:00 Uhr geht. Dann aber mal schnell. 

Am Abend der Schießerei in München (22.7.2016)

Ich arbeite am Abend. Am Rande bekommen wir mit, dass es in München eine Schießerei und Tote gibt. Auf dem Heimweg gegen 23:00 Uhr höre ich im Radio, dass sehr viel unklar ist, die Täter flüchtig, die Stadt lahmgelegt. 

Mir geht durch den Kopf, dass Terror sich doch einfach anders anfühlt, je näher er rückt. Völlig egal, von wem die Gewalt, die den Alltag von Menschen überfällt und Leben kostet, ausgeht. Und dass sich trotzdem für mich nichts verändert in meiner Haltung zur Freiheit, unserer Demokratie, zur Unvoreingenommenheit jedem Menschen gegenüber, zum Glauben an die Liebe. 

Vorsichtig öffne ich Zuhause Twitter und fürchte mich vor Nachrichtenkanälen, die schon über Schuldzuweisungen diskutieren und selbst vor zurecht empörten Retweets, die Fremdenhass-Äußerungen und Vorverurteilungen sichtbar machen. Ich will das nicht sehen.

Stattdessen atme ich auf und bin erstmalig dankbar für diese Twitter-Edition „Was du verpasst hast, dich aber interessieren könnte“. Denn da sind aus meiner Timeline genau solche Tweets gesammelt, die es für mich auf den Punkt bringen. Und auf die Aktion #offenetuer / #opendoor aufmerksam macht, mit der Privatleute in München gestrandeten Menschen anbieten, vorbeizukommen.

Beruhigt mache ich Twitter und das Internet wieder zu: Die Gewalt ist schrecklich. Die Welt ist besser. 

Love is our resitance!
Again and again. @maerys






363/366

Und heute dann: An der Wolkenfabrik des Kraftwerks Weisweiler vorbei. Meine Güte. Dass Unerfreuliches wie der Braunkohletagebau solche faszinierenden Himmelsspektakel erzeugen kann.

Auch heute: Ein Abendgebet mit Psalm 88, in dem ein Mensch seine tiefste Verzweiflung ausdrückt. Seit sehr langem hatte ich noch mal das sehr klare Gefühl, dass ich die Worte spreche und sie in Gedanken wem anders zur Verfügung stelle. Jemandem, der völlig am Boden ist und keine Worte mehr findet. Ein uraltes christliches Ding, die Sache mit der Stellvertretung, war für mich plötzlich in einem kleinen Moment sinnvoll und nah. 

Was wir tun können. (338/366)

Es gibt nicht DEN Islam, wie es nicht DAS Christentum gibt. Suche Kontakt, lass dich auf Dialog ein. Im Alltag, in der Nachbarschaft, in deiner Arbeit, in deinem Fachgebiet. Und lass dir erzählen und höre und frage und höre. Und erzähle und lass dich fragen. Und zwar übers Leben, nicht über die Theorie. Trinkt Tee, Kaffee oder Wasser zusammen, redet übers Wetter, über Kinder, über das, was euch bewegt. Lächelt und lacht und lebt miteinander. Mindestens wie mit guten Nachbarinnen und Nachbarn.

Verallgemeiner nicht. Misstraue, wenn verallgemeinert wird. Gib dich nicht mit Holzschnitten über die andere Religion oder Kultur zufrieden. Es kursieren so viele falsche Infos über die Religionen der anderen wie über deine eigene. Und es gibt für alles ein Gegenbeispiel. Die Deutschen, die auf den Kanaren ihren Lebensabend verbringen, beim deutschen Bäcker Brot kaufen und nicht mehr als 5 Sätze Spanisch sprechen. Sind die integriert? Oder sind sie es eher nicht, ohne dass das schlimm wäre? Siehst du. Das kann man mit fast allem durchexerzieren.

Stelle nie Menschen einer bestimmten Kultur oder einer Religion unter Generalverdacht. Es könnte dir ebenso passieren. Extremist_innen und Fanatiker_innen gibt es leider überall. Aber sie haben niemals und nirgendwo den Geist der eigenen Religion verstanden. Ihre Religion kann nichts dafür, von ihnen falsch verstanden worden zu sein. Wer Aussagen aus dem Kontext reißt, hat nie Recht.

Versuche lieber Alltagsdinge deiner Mitmenschen aus anderen Kulturen zu verstehen. Und wenn dir etwas fremd ist, frag nach.

Und vor allem: Gewinne, wenn möglich, einen Freund, eine Freundin. Du wirst nicht mit ansehen können und wollen, dass jemand  schlecht von ihr, von ihm spricht und sich bloß pauschalierender, bösartiger Klischees bedient.

Mit einem Freund, einer Freundin, die eine andere Muttersprache, ein anderes Herkunftsland, eine andere Religion, einen anderen Bildungsgrad oder sonstwas anders haben als du, fängt der Friede und das Wohlergehen für alle an. In deinem Umfeld, in der Gesellschaft. Und überhaupt.

Komm. Wir nehmen den neuen Nazis schlicht den Wind aus den Segeln.

Europamoment (322/366)

Und wieder warte ich vergebens auf die Schilder, die für die Überfahrt der belgisch-deutschen Grenze auf der Autobahn vor Aachen die Geschwindigkeit auf 80km/h runterfahren. War das nicht erst neulich noch? Und noch lange, seitdem da doch längst keiner mehr sichtbar steht und einen anhalten könnte? Ja, neulich noch mal, nach den Anschlägen in Brüssel. Aber dass man einfach 120 durchfahren darf, irritiert mich immer noch. Mich, das  Kind dieser Grenzregion, das sich noch gut daran erinnert, dass man nicht nach Belgien und in die Niederlande einreisen konnte, ohne den Pass vorzuzeigen.

Einfach so weiterfahren zu können und nur anhand von Schildern zu sehen, dass man das Land innerhalb Europas wechselt, empfinde ich immer noch als besonders und großartig. Ich hoffe so sehr, dass das so bleibt.

Lasst uns immer immer größer denken. Über unsere eigene kleine Welt hinaus.

Kraftwerkbegegnung (301/366)

Und es gibt Menschen, die fahren nach Hause und sehen erstmal das:  

Braunkohlekraftwerk Niederaußem


Auch wenn ich vermute, dass man das mit der Zeit gar nicht mehr so massiv wahrnimmt und womöglich von Infrastruktur und Jobs profitiert, erschrak ich doch sehr, als ein Stück gesperrter Autobahn mich auf die Route durch diesen Ort brachte. So hässlich, so aufdringlich, so ungesund sieht das für mich aus. 
Heute Abend lerne ich, dass das Kraftwerk in Niederaußem das zweitleistungsstärkste in Deutschland ist, entsprechend viel C02 rauslässt und den zweithöchsten Kühlturm der Welt hat, Mit 200 m zwei Meter kürzer als einer in Indien. (Quelle: Wikipedia)

Menschen leben noch unter schlimmeren Bedingungen, keine Frage. Und die Energiefrage ist komplex. Aber ob Menschen aus Niederaußem Windräder auch als Verschandelung von Landschaft ansehen würden, würde mich mal interessieren.

275/366

Am Abend der Anschläge in Brüssel bleibe ich dabei: Für mein Leben ändert sich nichts. Genau so wenig wie nach Anschlägen außerhalb unserer westlichen Welt, die regelmäßig passieren. Ich geb der Angst keinen Raum. Das wollen die Attentäter und die rechten Populisten doch nur.

Ich werde bloß immer überzeugtere Europäerin und Demokratin im Sinne einer freiheitlichen, rechtsstaatlichen Grundordnung. Wir brauchen keine strengeren Gesetze für irgendwas, wir brauchen keine Zäune, keine neuen Grenzen. Wir brauchen echte Demokraten auf dem Boden unseres Grundgesetzes, also Menschen ohne Angst, sondern mit Geschichtsbewusstsein und einer freiheitlich demokratischen Vision für unsere Zukunft.

Nein, ich ändere nix. Außer meinen Speiseplan, bei dem seit heute Abend Süßkartoffelfritten ins Repertoire gehören.

Wahlabend (266/366)

Ich hoffe inständig, dass wir in 10 Jahren erleichtert anstoßen werden und uns freuen, dass das damals, 2016, zwar mal gar nicht gut ausah, weil diese rechtspopulistische Partel plötzlich als zweite oder dritte Kraft in allen Parlamenten saß, dass aber die demokratischen Kräfte sich bald wieder erholten und der ganze Hass und der furchterregende braun gefärbte Nationalismus nur ein kurzes, wenn auch sehr erschreckendes Intermezzo war.

Dieses Nationalitäten-Ding. Ein Nachtrag zum Rempler von gestern. (223/366)

In der ersten Fassung meines Blogeintrags über das Erlebnis gestern, am hellichten Tag in bürgerlicher Umgebung angepöbelt und angerempelt worden zu sein, hatte ich den Mann etwas ausführlicher beschrieben und erwähnt, dass es tendenziell ein Deutscher war. Das fand ich beim Schreiben schon doof und hab es bald gelöscht.

In der momentanen Diskussion, ob und welche Gewaltgefahr durch Migranten und Flüchtlinge aus andern Kulturen in unsere Gesellschaft kommt, wäre der Nebensatz vielleicht für Leute mit Vorurteilen interessant gewesen. Aber ich hab mich für ihn geschämt. Er hat nämlich nichts damit zutun, wie ich unsere Gesellschaft und Kultur und Nation erlebe. Die erlebe ich seit kleinauf als plural und bunt und so, dass man nicht von außen erkennen kann, wer hier vermeintlich mehr Wurzeln hat und eher hingehört als andere.

Und dabei komme ich selber aus einer Familie, in der mir aus den letzten drei Generationen kein Migrationshintergund bekannt ist, auch wenn der alte Oecher seine Frau als Immigrantin ansieht. Schließlich ist sie in Würselen geboren, 10 km von Aachen entfernt, mit eigenem Dialekt und allem. Nein, davon rede ich nicht. Nicht mal von der Oma, die nach dem ersten Weltkrieg aus Anhalt an den Rhein und dann nach Aachen kam.

Trotzdem habe ich es, solange ich denken kann, als selbstverständlich erlebt, dass Leute aus verschiedenen kulturellen, religiösen und nationalen Kontexten deutsche Bürgerinnen und Bürger sind. Der spanische Gastarbeitersohn in der Grundschule: Der war ja jetzt hier. Und seine Mutter einer der herzlichsten Menschen, den ich getroffen habe. Vietnamesische Boatpeople und einige persisch/iranische Flüchtlinge ebenfalls. Die gehörten in der Schule selbstverständlich dazu und wurden kein mal aus Mitleid zur Geburtstagsfeier eingeladen, sondern weil man sie mochte. Oder sie wurden eben nicht eingeladen. Fertig. Die Freundinnen mit einem Elternteil aus Ägpyten, Griechenland, Kamerun, Indonesien und Japan fand ich die schönsten von allen und liebte die Geschichten der Eltern und das Essen und das etwas andere Wohnen ihrer Familien sehr. Und zweifelte nie daran, dass sie hierher gehören, fließend Deutsch konnten und in der Schule keine Extrarolle brauchten und hatten. Und war immer verwundert bis empört, wenn selbst die ehrbarsten linken, in allen möglichen Initativen engagierten Menschen meine Freundinnen als erstes in einfachem Deutsch fragten, wie lang sie denn schon hier seien.

Und tief berührt hat mich neulich, dass einer aus meiner Familie, der phänotypisch nach dem Großvater mit den braunen Haaren und dem dunklen Teint kommt, um den ich ihn bis heute beneide, weil er nur an Sonne denken muss, um gebräunt zu werden und einfach besser ausszusehen als ich aus der bleichen Oecherlinie, dass dieser schöne Mann als Kind in den 1970ern und frühen 1980ern als Zigeuner gehänselt wurde. Meine Güte. WTF.

Diese schlimme Sache mit dem Augenschein. Wer anders aussieht, gehört hier nicht hin, kann erst seit kurzem da sein, wird die Sprache wahrscheinlich nicht fehlerfrei sprechen, hat kein Interesse, sich zu integrieren, ist womöglich illegal im Land und wird wahrscheinlich bald wieder abgeschoben. Klar. Dass nervt mich gewaltig. In welcher Welt leben die Leute, die das denken? Gibt es echt Milieus, die keinen Kontakt zu Menschen haben, die nicht Müller-Meyer-Schmitz heißen und trotzdem hier nicht fremd sind? Haben die nie mit ihrer türkischen Putzfrau gesprochen, die zwar viel zu schlecht Deutsch kann, was ja aber Gründe hat – und die mit ihrem Mann fleißig ohne Ende arbeitet, um nicht nur Geld in die Türkei zu schicken, sondern vor allem den eigenen zwei Kindern hier alles zu ermöglichen?

Es ist mir total egal, ob der Mann gestern deutsch aussah, hiesige Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert nachweisen kann, oder als Kind aus Polen, Russland oder sonst woher im sogenannten Vorgebirge zwischen Köln und Bonn gelandet ist. Ob er eine blonde italienische Mutter hat oder was auch immer. Und wenn er die letzten Jahre beruflich im Senegal verbracht haben sollte oder mit einer Äthioperin verheiratet ist oder einen marokkanischen Lebensgefährten hat: Er soll bitteschön jedem Menschen mit Respekt begegnen und nicht gewaltsam körperliche Grenzen überschreiten. Und dies als Mann bei einer Frau noch viel weniger als bei einem Geschlechtsgenossen ebenfalls nicht.

Und wenn in unserer Gesellschaft diese gefühlt riesengroße Gruppe nicht schleunigst damit aufhören, Menschen nach Aussehen und Herkunft zu kategorisieren und zu beurteilen, fühle ich mich noch unwohler als lange schon, deutsch zu sein. Und habe noch mehr Sorge als sowieso schon um dieses Land und sein Grundgesetz.